beobachtete ein hartnäckiges Schweigen. Sie wäre gern an ihn herangetreten, hätte ihn mit ihren Armen um⸗ ſchlungen und ihn gebeten, ihr von Neuem ſein Vertrauen zu ſchenken, aber er ermuthigte ſie in keiner Weiſe.„Es muß wol ſpät ſein,“ ſagte ſie endlich, als ſie ſah, daß er verwundert, wenn nicht ärgerlich über ihr Bleiben war. „So leb' wohl, Harry,“ ſagte ſie und legte ihre Hand auf ſeine Schulter.
Er fuhr auf, als ob die Berührung ihm Schmerz ver⸗ urſache. Sie ſah ihm innig und flehend ins Geſicht; es zuckte in ſeinem Geſicht, und in ſeinem Benehmen gab ſich eine unruhige Verlegenheit zu erkennen, wie er ſorgſam ihrem Auge auswich, ſich bückte und ihren Scheidekuß und ihr Lebewohl erwiderte.
Mit eilendem und zitterndem Schritt begab ſich Mabel auf ihr Zimmer, warf ſich auf einen niedrigen Sitz, dem leeren Koffer gegenüber, und brach in Thränen aus. Sie hatte ihren Bruder in der Abſicht aufgeſucht, ihr über⸗ volles Herz zu beruhigen und eine Schuld ihres Gewiſſens abzutragen, aber keinen dieſer Zwecke hatte dieſe kurze und unbefriedigende Zuſammenkunft erreicht.
Konnte ſie ihn ſo verlaſſen, aufgegeben von ſeiner Schweſter und von ſeinem beſſern Selbſt?
Ihr faſt krampfhaftes Schluchzen bewies, daß der Kampf der widerſtreitenden Gefühle jetzt ſeine Höhe er⸗ reicht hatte, und einige Minuten lang weinte ſie wie Kin⸗ der weinen, ohne den Verſuch zu machen, ſich zu beherr⸗ ſchen. Als ſich dieſer Schmerzensſturm legte und ſie eine Weile lang innerlich kämpfend daſaß, aber ſcheinbar in die Leere ſtarrte, ſtreckte ſie zerſtreut die Hand aus und öffnete den inwendigen Deckel ihres Koffers. Dabei fiel ihr Auge auf ein kleines Paket in einer Ecke, mit der be⸗ kannten Handſchrift der Mrs. Herbert an ſie adreſſirt. Bei ihrem Abgang von der Schule war es dorthin gepackt


