498
Ohr vernahm den leiſen und doch hellen Laut, der eine allgemeine und athemloſe Aufmerkſamkeit verurſachte.„Mutter, warum ſind wir denn im Walde?“ ſetzte die Sprechende hinzu.„Hat man uns unſrer Heimath beraubt, daß wir unter den Bäumen wohnen?“
Ruth winkte bittend mit der Hand, daß Niemand den Wahn verſcheuche.
„Die Natur,“ flüſterte ſie,„führt ihre Jugend ihr wieder vor die Seele. Ihr Geiſt ſcheide— wenn dies ſein heiliger Wille iſt— in der Seligkeit der Kindesunſchuld.“
„Warum weilen Marcus und Martha?“ fuhr die Andere fort. „Du weißt, Mutter, es iſt unſicher, weit in den Wald zu gehen; die Heiden könnten aus ihren Oertern ſeyn, und man kann nicht wiſſen, was dem Unvorſichtigen für Unfall begegnen könnte.“
Ein ſchwerer Seufzer entwand ſich der Bruſt des Vaters, und die nervige Hand Dudley's, welche auf der Schulter ſeiner Frau ruhte, zog ſich nach und nach feſt zuſammen, was ſie, trotz ihrer auf's Höchſte geſpannten Aufmerkſamkeit, unwillkührlich zwang, ſich ſeinem Rieſengriff zu entziehen.
„Ich habe es dem Mareus ſchon geſagt; er iſt nicht immer Deiner Verbote eingedenk, Mutter, und die beiden Kinder gehen ſo gern zuſammen! doch Marcus iſt in der Regel gut; ſchmähle nicht, Mutter, wenn er ſich zu weit verirrt hat; nein, liebe Mutter, ſchmähle nicht.“
Der Jüngling wendete ſich ab; denn ſelbſt in ſolchem Augen⸗ blick ſträubte ſich der Stolz des Jünglings, von ſeiner eigenen Schwäche erzählen zu hören.
„Haſt Du auch heute ſchon gebetet, meine Tochter 2“ ſagte Ruth, Faſſung erzwingend.„Du ſollteſt Deine Pflicht gegen Seinen gebenedeiten Namen nicht vergeſſen, wenn wir auch in dem Walde und ohne Obdach ſind.“
„Ich will jetzt beten, Mutter,“ ſagte die in den unbegreif⸗ lichen Wahn Verſunkene, und bemühte ſich, ihr Antlitz in Nuth's


