Druckschrift 
Bärbchen das Hirtenmädchen : ein Seitenstück zu dem Jägermädchen / von Cramer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

35

ſtand aus den Gedanken ſchlagen und nicht mit

einem Worte erwaͤhnen ſollte. Und doch redete

ſie ihr unaufhoͤrlich ſelbſt von ihrer Liebe vor und noͤthigte ſie, alle Tage, auch bei der rauheſten Witterung, den ſteilen Bergpfad zu ſteigen, um in der auf dem Gipfel des Gebuͤrges befindlichen Kapelle Gott um Vergebung ihrer Sunden anzu⸗ llehen.

Welch' eine widrige und der Verfaſſung eines Frauenzimmers, wie Julie war, aàußerſt unan⸗ gemeſſene Behandlung! Doch wir ſind nicht geſonnen, Langeweile zu erregen und uͤber die Phyſiſche und moraliſche Unrichtigkeit des Verfah⸗ rens der graͤflichen Tante zu philoſophiren; wir uͤberlaſſen dieß der eigenen Beurtheilung unſerer geehrten Leſerinnen und ſchreiten ununterbrochen zur Erzaͤhlung der Geſchichte weiter.

Juliens Entbindung nahte heran. Pflege und Wartung war, wie man aus dem der aber⸗ glaͤubiſchen Matrone ganz eigenen Charakter ab⸗ nehmen kann, eben ſo laͤcherlich, als religioͤs, und Julie konnte es der waltenden Vorſicht nicht genug verdanken, daß die gefahrvollſte Kataſtro⸗ phe ihres Lebens ſo gluͤcklich vorubergieng.

Nach zuruͤckgelegten lechs Wochen, die ſe ziemlich in die Spatzeit des rauhen Herbſtes fie⸗ 8 len, kehrte Julie wieder in die Arme ihrer Fa⸗ milie zurück. Ihre Reize ſchienen keinen Abbruch