22
—
Der Graf hatte bollkommen recht. Nie⸗
mand im Ehrenſteiniſchen Hauſe ahnete nur das Geringſte von dem, was vorgegangen war, Ju⸗ liens Entfernung aufs Land ſchien Sache der Nothwendigkeit zu ſein und es war weiter nicht auffallend, daß der Graf juſt dieſen Ort gewaͤhlt hatte, weil man wußte, daß dieß der Wohnort der alten Tante war, die ſich ſchon ſeit bielen Jahren dahin gewendet hatte, ihr Leben in moͤg⸗ lichſter Stille daſelbſt zu beſchließen. Sie war ihm ſo ſicher, als der Ort ſelbſt, der kaum des Jahrs einmal von fremden Menſchen beſucht wurde, weil er zu abgelegen und verſteckt lag, auch der Weg dahin rauh und aͤußerſt ſchlecht war.
Von dieſer Seite nun erreichte er zwar ſei⸗ nen Zweck; allein er hatte auf die Beſchaffenheit des Orts ſelbſt ſo wenig, als auf den wahren Charakter der Tante gehoͤrig Ruͤckſicht genom⸗ men. Ein Frauenzimmer, das ſich in der Lage befindet, in der wir Julien erblickten, als ſie das baͤterliche Haus verlaſſen mußte, bedarf eben ſo ſehr Zerſtreuung und Abtvechslung, als es mit moͤglichſter Schonung behandelt ſein will. Die Gegend war fuͤr den Seelenzuſtand der Leidenden
zu melaucholiſch und gab ihr mehr Stoff, duͤſter und nachdenkend zu ſein, als ſich zu zerſtreuen und aufzuheitern. Die Tante war zu murriſch, zu bigott und in dieſer und jener Forderung, 343
der


