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Kaplan und ſprach mit ſeiner frühern bewundernswerthen Ge⸗ müthsruhe:
„Vergeſſen Sie nicht Ihr heiliges Amt zu verſehen, die Zeit verrinnt.“
Eben wollte er langſamen Schrittes der Gouvernante folgen, welche bereits ihr Geſicht verhüllt und ſich von der empörenden Scene weggewendet hatte, als Wilder ihn anredete:
„Für die Freundſchaft, die Sie mir erzeigen wollten, danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Wollen Sie, daß ich im Frieden von Ihnen ſcheide, ſo geben Sie mir, ehe ich ſterbe, Eine feierliche Verſicherung.
„Welche?“
„Verſprechen Sie mir, daß die, welche mit mir auf Ihr Schiff gekommen ſind, es ungekränkt und bald verlaſſen ſollen.“
„Es ſei ſo.“
„Mehr verlange ich nicht.— Nun, verehrungswürdiger Die⸗ ner Gottes, verrichten Sie bei meinen Gefährten, was Ihres Am⸗ tes iſt. Ihrer Unwiſſenheit können Sie nützlich ſein. Wenn ich dieſe ſchöne, dieſe herrliche Welt gedankenlos, und undankbar gegen jenes Weſen, das mich, ich bekenne es in Demuth, zum Erben viel höherer Güter eingeſetzt hat, verlaſſe, ſo ſündige ich mit Wiſſen und Willen, und ohne Hoffnung auf Vergebung. Dieſe aber un⸗ terſtützen Sie mit ihrem Gebete, dieſe tröſten Sie.“
Unter tiefem, ſchauerlichem Schweigen näherte ſich der Kaplan den Gefährten Wilders, die dem Tode geweiht waren.
Sie waren über den wichtigern Punkten der eben geſchilderten Scene vergeſſen worden, und größtentheils unbeachtet geblieben; eine weſentliche Veränderung, war aber mittlerweile in ihrer Lage vorgegangen. Fid ſaß mit ungeknöpfter Halsbinde, ſeine Kehle in den unglückſeligen Strick eingeknebelt, und ſtützte das Haupt des ſterbenden Schwarzen, das er mit beſonderer Sorgfalt und Zärt⸗ lichkeit ſich auf den Schooß gelegt hatte.
„Dieſer Mann wenigſtens wird die Bosheit ſeiner Feinde täuſchen,“ ſagte der Kaplan, und ſchloß die rauhe Hand des Negers in die ſeinigen;„das Ende ſeiner Mühſeligkeiten und ſein Erblaſſen
iſt nahe; bald wird er dem Arme menſchlicher Ungerechtigkeit ent⸗ ronnen ſein.— Guter Freund, wie heißt dein Gefährte hier?“


