—
30
„Sie ſehen auf das Meer. Da, gerade da, wo Himmel und Meer ſich berühren, längs jenem nebeligen Lichtſtreifen, in welchem die Wogen ſich hügelartig erheben. Sehn Sie, jetzt fällt eine Woge! nein! ich habe mich nicht getäuſcht, es iſt bei Gott, ein Schiff.“
„Ha! ein Segel!“ rief aus dem Maſtkorb eine Stimme, die unſerm Abentheurer wie das Aechzen eines Seegeſpenſtes tönte.
„Wo aus?“ rief er ſchnell.
„Auf unſerer Leeſeite, Sir,“ rief der Seemann aus Leibes⸗ kräften.„Ich halte es für dicht beim Winde; ſchon vor einer Stunde glich es mehr einem Nebel als einem Schiff.“
Ja, er hat Recht!“ murmelte Wilder vor ſich hin;„und doch iſt es befremdend, daß gerade in jenem Strich ein Schiff ſein ſollte.“
„Und warum befremdender, als daß wir gerade hier ſind?“
„Warum?“ fragte der junge Kommandant, und ſah Mrs. Wyllys mit ausdrucksloſen Blicken an,„warum? Ich ſage, es iſt befremdend, daß es dort ſteht; ich wollte aber, es ſteuerte gegen Norden.“
„Sie ſehen doch,“ fuhr er fort, und ſtreckte zum zweitenmal ſeinen Arm nach der bezeichneten Seite aus,„jenen düſtern Licht⸗ ſtreif— das Gewölke hat ſich zwar ein wenig gehoben, aber das Stäuben des Seewaſſers verſperrt uns die Durchſicht. Das Tau⸗
werk jenes Schiffes iſt an dem Himmel gezeichnet, wie ein Spinnen⸗
gewebe, und doch können Sie die drei Maſten eines ſtattlichen Schiffes erkennen.“
„Durch dieſe umſtändliche Beſchreibung ward Gertrude in Stand geſetzt, dieſen beinahe unſichtbaren Gegenſtand zu erkennen, und bald war es ihr auch gelungen, den Blicken ihrer Gouvernante die nöthige Richtung zu geben. Sie erblickte nur einen dunklen Punkt, den Wilder bezeichnend genug mit einem Spinnengewebe verglichen hatte.„Es muß ein Schiff ſein,“ ſagte Mrs. Wyllys, „aber in ſehr, ſehr großer Entfernung.“
„Hm! ich wollte, es wäre noch weiter entfernt. Ich wollte, es wäre an jedem andern Fleck der Welt!“
„Und warum? Haben Sie Urſache zu der Vermuthung, daß uns gerade da ein Feind erwarte?“


