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Der Kettenträger, / von J. F. Cooper
Entstehung
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Bei der Trauung herrſchte viel tiefes Gefühl, aber wenig Glanz und Prunk. Meine Mutter hatte Urſula liebgewonnen, als wäre ſie ihr eigenes Kind; und ich hatte die Freude nicht nur, ſon⸗ dern auch den Triumph, zu ſehen, wie meine Verlobte ſich mit je⸗ dem Tage den Meinigen angenehmer und theurer machte, und dieß durch keine anderen als die allernatürlichſten und kunſtloſeſten Mittel.

Das iſt vollkommenes Glück, ſagte Dus zu mir an einem lieblichen Nachmittag, als wir mit einander die Felſen an dem Neſt entlang luſtwandelten, einige Minuten nachdem ſie ſich aus den Armen meiner Mutter gewunden hatte, die ſie umarmt und geſegnet hatte, wie eine fromme Mutter ihr inniggeliebtes Kinddas iſt vollkommenes Glück, Mordaunt, Eure Erkorene zu ſein und die von Euren Eltern freundlich Aufgenommene. Ich wußte bis jetzt nicht, was es heißt, Eltern zu haben. Oheim Kettenträger that Alles, was er konnte, für mich, und ich werde ſein Andenken heilig halten bis zu meinem letzten Athemzug aber Oheim Ketten⸗ träger konnte mir nie eine Mutter erſetzen. Wie geſegnet, wie über Verdienſt geſegnet verſpricht mein Loos zu werden! Ihr gebt mir nicht nur Eltern, und Eltern die ich lieben kann, wie wenn es meine leiblichen Eltern wären, ſondern Ihr gebt mir auch zwei Schweſtern, wie ſie Wenige haben!

Und das Alles, liebſte Dus, gebe ich dir mit der Zugabe

eines ſolchen Gatten, daß ich faſt fürchte, die andern Gaben werden dir zu theuer erkauft ſcheinen, wenn du ihn erſt genauer kennſt.

Der innige, offene, dankbare Blick, das bewußte Erröthen, und das ernſte, nachdenkliche Lächeln Alles das verkündigte mir, daß meine vergnügte und parteiliche Zuhörerin deßhalb keine Sorge empfand. Hätte ich damals ſchon das andere Geſchlecht ſo gekannt, wie jetzt, ſo würde ich vorausgeſehen haben, daß die Liebe eines Weibes wächst, ſtatt abzunehmen; daß die Liebe, die die reine und hingebende Matrone zu ihrem Gatten hegt, mit der Zeit zunimmt und ein Theil und Element ihrer moraliſchen Exiſtenz wird. Ich