549
Euch geſagt, daß Dus ſelbſt es war, die mich zuerſt in dieſer Sache die Wahrheit erkennen machte, und wie viel beſſer und ſchick⸗ licher es für mich ſei, Euch zurückzuhalten, als Euch zu ermuntern und anzufeuern. Wie kommt es, mein theures Mädchen, daß Ihr das Alles vergeſſen habt, und jetzt, wie es ſcheint, wünſcht, daß ich gerade das thue, was Ihr mir gerathen hattet, nicht zu thun?“
Urſula's Antlitz wurde blaß wie der Tod; dann wurde es plötzlich flammendroth, wie ein Sonnenuntergang, und ſie ſank auf die Kniee, und verbarg ihr Angeſicht in der groben Bettdecke, während ſie in ihrer Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ihre Ant⸗ wort hervorſtammelte:
„Oheim Kettenträger,“ ſagte ſie,„als wir zuerſt von dieſer Sache ſprachen, hatte ich Mordaunt noch nie geſehen.“
Ich knieete neben Urſula, drückte ſie an meine Bruſt, und ſuchte das Gefühl meiner tiefen Dankbarkeit für dieſe edle, auf⸗ richtige Erklärung, durch ſolche Liebkoſungen, wie die Natur und die Empfindung ſie eingaben, an den Tag zu legen. Dus aber machte ſich ſanft aus meinen Armen los, ſtand auf, und wir Beide ſtanden nun da, abwartend, welchen Eindruck das ſo eben Gehörte und Geſehene auf Kettenträger machen werde.
„Ich ſehe, daß die Natur ſtärker iſt als Vernunft und An⸗ ſichten und Herkommen,“ begann der alte Mann wieder nach einer langen Pauſe des Nachdenkens—„ich habe jedoch nur noch wenig Zeit übrig, die ich dieſer Sache widmen kann, meine Kinder, und muß ſie daher zu einem Schluß bringen. Verſprecht mir, Beide, daß ihr nie heirathen wollt ohne die freie Zuſtimmung des Ge⸗ nerals Littlepage, und der alten Madame Littlepage und der jungen Madame Littlepage, ſofern ſie Alle noch leben.“
„Ich verſpreche es Euch, Oheim Kettenträger,“ ſagte Dus mit einer raſchen Entſchloſſenheit, die ich ihr kaum verzeihen konnte —„Ich verſpreche es Euch und werde mein Verſprechen halten, ſo wahr ich Euch liebe, und meinen Schöpfer fürchte und ehre.


