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Welt uns Beide anſehen, wie ſie will. Aber Ihr habt von Nie⸗ mand Etwas zu fürchten, und am allerwenigſten von meinen Ver⸗ wandten. Mein Vater iſt nicht weltlich geſinnt; und was meine liebe, theure Mutter betrifft, Anneke Mordaunt, wie der General ſie ſogar jetzt noch oft zärtlich nennt, wie denn dieſer Name ſelbſt ihn an die Tage ihrer mädchenhaften Lieblichkeit und Blüthe er⸗ innert, was dieſe geliebte Mutter betrifft, Urſula, ſo bin ich feſt überzeugt, daß, wenn ſie Euch erſt recht kennt, ſie Euch ſogar ihrem Sohne vorziehen wird.“
„Das iſt ein Bild, das Eure verblendete Parteilichkeit ent⸗ wirft, Mordaunt,“ verſetzte das geſchmeichelte Mädchen, denn ge⸗ ſchmeichelt war ſie, das konnte ich wohl bemerken,„und ich darf darauf nicht mit zu großer Zuverſicht bauen. Aber das iſt keine Zeit, um von unſerem künftigen Glücke zu plaudern, wenn die ewige Seligkeit oder Unſeligkeit dieſer zwei bejahrten Männer ſo zu ſagen an einem Faden hängt. Ich habe ſchon einmal mit meinem theuren Oheim Gebete geleſen, und das ſeltſame Weib, in wel⸗ chem ſo viele Züge ihres Geſchlechts mit einer Art Wildheit, wie die der Bärin, gemiſcht ſind, hat Etwas gemurmelt, ſie hoffe, ihr „ſterbender Mann,“ wie ſie ihn nennt, werde nicht vergeſſen werden. Ich habe ihr verſprochen, ihn nicht zu vergeſſen, und es iſt Zeit, nunmehr dieſer Pflicht nachzukommen.“
Welch' eine Scene war das, die nun folgte! Dus ſtellte das Licht auf einen Schrank nahe am Bette Tauſendacres, und das Gebetbuch in ihrer Hand, kniete ſie neben demſelben. Prudence nahm eine ſolche Stellung ein, daß ihr Haupt verſteckt war von einem ihrer eigenen Kleidungsſtücke, das an einem Pflock hing; und da ſtand ſie, während die melodiſche Stimme von Urſula Malbone die Gebete für Sterbende mit demüthiger aber brünſtiger Andacht las. Ich ſage, ſie ſtand, denn weder Prudence noch Lowiny kniete. Der Eigenſinn und die Krittelei der Selbſtgerechtigkeit, welche ihre Vorfahren getrieben hatten, das Knieen beim Gebet als das Thun
Der Kettenträger. 4 34
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