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Der Kettenträger, / von J. F. Cooper
Entstehung
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oder nicht, dieß Lächeln machte ihr Angeſicht äußerſt reizend. Sie

ſchwieg einen Augenblick, wie wenn ſie in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken wäre, und ſogar ſenkte ſich ihr Haupt in ſchmerzlicher gei⸗ ſtiger Anſtrengung; dann richtete ſie ſich aber zu ihrer vollen Höhe auf und ſprach:

Es iſt immer das Beſte, ſagte ſie,offen zu ſein, und es kann nichts ſchaden, während es gut und nützlich ſein kann, wenn ich mich gegen Euch erkläre. Ihr werdet nicht vergeſſen, Mr. Littlepage, daß ich von der Vorausſetzung ausgehe, mit meines Oheims allerbeſtem Freunde mich zu beſprechen?

Ich bin zu ſtolz auf dieſe Auszeichnung, um es unter irgend welchen Umſtänden zu vergeſſen, und am allerwenigſten in Eurer Gegenwart.

Nun gut, ich will offen ſein. Priseilla Bayard war acht Jahre lang meine Genoſſin und meine vertrauteſte Freundin. Un⸗ ſere Zuneigung zu einander begann, als wir noch Kinder wa⸗ ren, und nahm mit der Zeit und mit ſteigender Einſicht und Erkenntniß zu. Etwa ein Jahr vor dem Ende des Krieges fand mein Bruder Frank, der jetzt hier iſt als meines Oheims Geometer und Rechner, Gelegenheit, ſein Regiment zu verlaſſen und häufig auf Beſuch zu mir zu kommen, denn ſeine Compagnie wurde nach Albany geſchickt, wo er mich ſehen konnte, ſo oft er wünſchte. Mich ſehen hieß auch Priseilla ſehen, denn wir waren unzertrenn⸗ lich; und Priseilla ſehen hieß, bei dem armen Frank wenigſtens, ſo viel als ſie lieben. Er machte mich zu ſeiner Vertrauten, und meine Unruhe war nur die natürliche Beſorgniß, er möchte an Euch einen furchtbaren Nebenbuhler haben.

Eine Fülle von Licht ging mir auf bei dieſer kurzen Erklä⸗ rung, obwohl ich nicht umhin konnte, mich zu wundern über die Unbefangenheit oder die Charakterſtärke, die ſie vermochten zu einer ſo auffallenden, vertrauenden Offenherzigkeit. Als ich Dus ge⸗

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