Druckschrift 
Der Kettenträger, / von J. F. Cooper
Entstehung
Einzelbild herunterladen

74

dieß je glaubt, wenn er blindlings ſich verliebt. Es hat mich oft überraſcht und ſtaunen gemacht, wie oft und wie gründlich die Wei⸗ ſeſten des ſterblichen Geſchlechtes Alles darauf anlegen, ſich ſelbſt zu betrügen. Wenn einmal der Verdacht rege geworden, ſo hat man kein Zeugniß mehr nöthig, die Verdammung folgt ganz wie ein logi⸗ ſcher Schluß, obwohl auf nichts Beſſeres gegründet, als auf ſchein⸗ baren Zweifel; während anderer Seits, wo Vertrauen einmal be⸗ ſteht, Zeugniſſe und Beweiſe nur gar zu gerne nicht beachtet wer⸗ den. Frauen insbeſondere ſind nur allzu geneigt, dem Zug ihrer Empfindungen und Neigungen ſtatt Vernunftsgründen zu folgen, in allen Fällen wo es ſich um eine Schuld handelt. Es hält ſchwer, ſie von der Unwürdigkeit Derer zu überzeugen, welche mittelſt der Beziehungen des Gefühls ihnen angehören, weil die Gefühle bei ihnen gewöhnlich ſtärker ſind als die Denkkräfte. Wie hängen ſie z. B. ſo ſtandhaft an ihren Prieſtern, wenn die kühleren Köpfe und größere Erfahrung der Männer ſchon verdammen; und das nur darum, weil ihre Phantaſie ſich darin gefällt, die Schuldigen mit dem Schmuck und Glanz der Religion zu umkleiden, die ſie verehren und die ihr Halt iſt! Der müßte ein geſcheuter Mann ſein, der die Linie zwiſchen dem Wirklichen nnd dem Falſchen in dieſen Dingen zu ziehen vermöchte; aber der iſt gewiß ein Schwach⸗ kopf, der Zeugniſſe nicht beachtet, wenn ſie klar und bündig ſind. Daß wir Alle unſere Sünden und Fehler haben, iſt außer Zweifel, aber gewiß gibt es Merkmale der Unwürdigkeit, welche untrüglich ſind, und nie außer Acht gelaſſen werden ſollten, weil ſie denjeni⸗ gen Mangel an Grundſätzen beurkunden, der einen ganzen Cha⸗ rakter verunſtaltet.

˖QOO˖;ꝛꝛęÿ:·-O