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die Leiche lag und ohne eine Ahnung von der Größe des Unglücks erreichte ſie die Schwelle. Nie kann ich— nie werde ich den Ausbruch des herzzerreißenden Jammers vergeſſen, als ſie endlich den ganzen Umfang der furchtbaren Wahrheit inne ward. Sie fiel aus einer Ohnmacht in die andere und erſt nach mehreren Stunden der Bewußtloſigkeit fand ſie endlich die Sprache wieder. Da gab es keine Liebkoſung, wie nur das Herz eines Weibs ſie erſinnen kann, die nicht an dem lebloſen Körper verſchwendet wurde. Sie nannte den Todten„ihren Miles,“„ihren geliebten Miles,“ „ihren Gatten,“„ihren ſüßen, theuren Gemahl,“ und wie die zärt⸗ lichen Benennungen alle hießen. Einmal ſchien ſie wie entſchloſſen, den Schläfer aus ſeinem endloſen Schlummer zu erwecken:„Vater,— theurer, theuerſter Vater!“ rief ſie dem armen Todten zu— ſich gleichſam an den Vater ihrer Kinder wendend— der zaͤrtlichſte, der um⸗ faſſendſte Beiname, welchen das Weib dem Manne ertheilen kann! „Vater— lieber theurer Vater! öffne doch die Augen und ſieh auf deine Kleinen— ſieh deine liebliche Tochter, deinen ſtattlichen Kna⸗ ben! Kannſt du für immer ihrem ſüßen Anblicke entſagen?“ Doch umſonſt— die Leiche lag ſo regungslos, als ob der Geiſt Gottes nie darin gewaltet hätte; die Verwundung hatte hauptſächlich jene vielgeprieſene Narbe getroffen und meine arme Mutter wollte nicht aufhören, beide mit ihren Küſſen zu be⸗ decken, als ob ſie ihren Gatten dadurch ins Leben zurückzurufen vermöchte— Alles vergeblich; noch am ſelben Abend wurde die Leiche nach unſerer Wohnung geſchafft und drei Tage ſpäter an dem, eine Meile von Clawbonny entfernten Kirchhofe beerdigt, wo ſie neben drei Generationen ſeiner Vorväter ihre Ruhe finden ſollte. Die Leichenceremonien machten gleichfalls einen tiefen Eindruck auf mein jugendliches Gemüth und blieben mir noch lange im Ge⸗ däaͤchtniß. Wir hatten nämlich in unſerem Thale nicht wenige An⸗ hänger der engliſchen Kirche und der alte Miles Wallingford, der Erſte dieſes Namens, hatte ſich als ächt engliſcher Gutsbeſitzer in


