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Gerechtigkeit eingedenk. Es zeigten ſich Geſtalten an den Fenſtern und er bildete ſich ein, es ſollte ein Signal gegeben werden, um den entſcheidenden Schlag zu hemmen.
„Halt!“ rief er.„Um die Liebe der heiligen Jungfrau unbe⸗ ſteckten Andenkens, hemmet Eure Haſt!“
Sein Ausruf wurde von einer durchdringenden Weiberſtimme wiederholt, und in demſelben Augenblick durchbrach Gelſomina, trotz aller Bemühung ſie zurückzuhalten, die Reihe der Dalmatier und erreichte die Gruppe zwiſchen den Granitſäulen. Erſtaunen und Neu⸗ gier ergriff die Menge und ein dumpfes Gemurmel durchlief den Platz.
„Es iſt eine Wahnſinnige!“ ſchrie Einer.
„Ein Opfer ſeiner Kunſtgriffe,“ ſagte ein Anderer; denn wenn jemand im Nufe eines beſondern Laſters ſteht, unterläßt die Welt gewöhnlich nicht, ihm alle übrigen gleichfalls beizumeſſen.
Gelſomina ergriff Jacopo's Bande, und machte wahnſinnige Anſtrengungen, ſeine Arme zu befreien.
„Ich hoffte, Du würdeſt Dir dieſen Anblick ſparen, arme Geſſina,“ ſagte der Verurtheilte.
„Sey nicht beſorgt,“ erwiederte ſie athemlos.„Es iſt nur Neckerei— es iſt nur eine Liſt von ihnen, um zu berücken— aber ſie könnnen nicht— nein, ſie dürfen kein Haar auf Deinem Haupte krümmen, Carlo!“
„Theuerſte Gelſomina!“
„Nein, halte mich nicht. Ich will mit den Bürgern ſprechen und ihnen alles ſagen. Sie ſind jetzt aufgebracht, aber wenn ſie die Wahrheit hören werden, ſo werden ſie Dich lieb haben, Carlo, wie ich.“
„Gott ſegne Dich— Gott ſegne Dich! Ach wärſt Du doch nicht hergekommen!“
„Sey unbeſorgt um mich! Ich bin nicht gewöhnt an den An⸗ blick ſolcher Menge, aber Du wirſt ſehn, ich kann gut mit ihnen ſprechen und ihnen dreiſt die Wahrheit bekannt machen. Mir fehlt nur der Athem.“
Der Bravo. 30


