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„Gerechtigkeit iſt Venedigs Wahlſpruch.“
„Die von der Vorſehung reichlich geſegnet ſind, wiſſen nicht immer, was ein Armer zu tragen hat. Es hat Gott gefallen, meiner eignen armen Mutter ſchwere Leiden aufzuerlegen, die ohne ihre Geduld und ihren chriſtlichen Glauben ſchwer zu überſtehen wären. Das Bischen Sorgfalt, welches ich ihr ſpenden konnte, hat zuerſt Jacopos Augen auf mich gezogen, denn ſein Herz war voll von Kindespflicht. Wenn Ew. Hoheit nur Carlo beſuchen wollte oder ihn hieher bringen ließe, ſo würde ſeine einfache Erzählung alle ſchändliche Unthaten, die ſie ihm aufgebürdet haben, zur Lüge machen.“
„Das iſt nicht nöthig— das iſt nicht nöthig. Dein Glauben an ſeine Unſchuld, Mädchen, iſt beredter als alle ſeine Worte ſeyn können.“
Ein Freudenſtrahl blitzte in Gelſominas Geſicht auf, ſie wandte ſich zu dem Mönche und ſagte:„Seine Hoheit gibt Gehör, und wir werden durchdringen! Vater, ſie mögen drohen in Venedig und den Furchtſamen ängſtlich machen, aber ſie werden das niemals thun, was wir gefürchtet haben. Iſt nicht Jacopos Gott mein Gott und ihr Gott? der Gott des Senates und des Dogen? des Rathes und der Republik? Ich wünſchte, die geheimen Mitglieder vom Rathe der Drei hätten den armen Jacopo geſehen, wenn er nach ſeinem Tagewerk, müde von der Arbeit, gepeinigt von dem ewigen Zögern in die Winter⸗ oder Sommer⸗Zelle trat, wie es nun gerade war, eiſig kalt oder brennend heiß, und ſich zwang, vergnügt zu ſeyn, damit der fälſchlich Angeklagte nicht noch mehr ſein Elend fühlen möchte!— Ach, ehrwürdiger und gütiger Fürſt, Ihr wiſſet wenig von der Laſt, welche die Armen oft zu tragen haben, denn Euch iſt das Leben Sonnenſchein. Aber Millionen ſind da, die thun müſſen, was ſie haſſen, um nur nicht thun zu müſſen, was ſie fürchten.“
„Kind, Du ſagſt mir nichts Neues.“
„Außer, daß ich Euch Beweiſe gebe, Hoheit, daß Jacopo kein


