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„Mit Tages Anbruch, Fürſt!“
„Und der Vater?“
„Iſt geſtorben.“
„Im Kerker, Karmeliter?“
„Im Kerker, Fürſt von Venedig!“
Eine Pauſe.
„Haſt Du vom Tode eines gewiſſen Antonio gehört?“ nahm der erſchütterte Doge, ſich faſſend, das Wort.
„Ja, Signor. Bei meinem heiligen Amte bezeuge ich, daß Jacopo an dieſem Verbrechen unſchuldig iſt. Ich ſelbſt habe dem Fiſcher zur Beichte geſeſſen.“
Der Doge wendete ſich ab, denn die Wahrheit dämmerte in ihm auf, und die Gluth auf ſeinen greiſen Wangen enthielt ein Geſtändniß, welches nicht jedes Auge merken konnte. Er ſuchte den Blick ſeines Geſellſchafters, aber der Ausdruck ſeines menſchlichen Gefühls traf auf die geregelten Züge des Anderen, wie Licht auf polirten Stein, davon es kalt zurückprallt.
„Hoheit,“ ſagte eine zitternde Stimme.
„Was willſt Du, Kind?“
„Es gibt einen Gott für die Republik ſo gut, als für den Gondolier! Wird Ew. Hoheit nicht dieſe große Sünde von Venedig abwenden?“
„Du ſprichſt gerade aus, Mädchen.“
„Carlo's große Gefahr hat mich kühn gemacht. Das Volk liebt Euch ſehr, und Keiner ſpricht von Euch, ohne zugleich von Eurer Güte und Eurer Dienſtwilligkeit für die Armen zu ſprechen. Ihr ſeyd der Stamm einer reichen und glücklichen Familie: Ihr wollt nicht, und wenn Ihr wolltet, Ihr könntet nicht für ein Verbrechen halten, daß ein Sohn ſeinem Vater Alles zum Opfer bringe. Ihr ſeyd unſer Vater und wir haben ein Recht zu Euch zu kommen, auch wenn wir um Gnade bitten. Hier aber, Hoheit, fordere ich nur
Gerechtigkeit.“—


