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Der Bravo : eine venetianische Geschichte / von James Fenimore Cooper. Aus dem Engl. von G. Friedenberg
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ſeine Geſchichte anzuhören, werdet Ihr ihn eher für einen Gegen⸗ ſtand des Mitleids, als der Verdammung halten.

Unter allen Verbrechern in meinem Reiche hätte ich dieſen für den Letzten gehalten, zu deſſen Gunſten etwas vorgebracht werden könnte! Aber ſprich frei, Karmeliter. Meine Neugier iſt ſo groß als mein Erſtaunen.

Der Doge ließ ſeinen Gefühlen ſo ganz freien Lauf, daß er im Augenblicke an die Gegenwart des Inquiſitors gar nicht dachte, deſſen Geſicht ihm ſonſt wohl mochte verrathen haben, wie bedenk⸗ lich die Sache zu werden anfing.

Der Mönch dankte dem Himmel, denn es war nicht immer leicht in dieſem geheimnißvollen Staate, die Wahrheit vor die Ohren der Mächtigen zu bringen. Wenn ein ſo doppelſinniges Weſen in der ganzen Verfaſſung herrſcht, ſo verwebt ſich der entſprechende Sinn in die Gewohnheiten der Freimüthigſten, wenn ſie es auch ſelber nicht merken. Als daher Vater Anſelmo zu der verlangten Erklärung ſchritt, berührte er ſchonend die Kunſtgriffe des Staates und deutete mit Zurückhaltung die Gebräuche und Meinungen an, welche ein Mann ſeines heiligen Berufes und ſeiner Redlichkeit unter andern Umſtänden furchtlos verdammt haben würde.

Es mag einem ſo hochgeſtellten Herrn als Ihr ſeyd, gebieten⸗ der Fürſt, begann der Karmeliter,vielleicht fremd ſeyn, daß ein niedriger aber fleißiger Arbeiter dieſer Stadt, ein gewiſſer Francesco Frontoni vor langer Zeit wegen Zollverbrechen verurtheilt wurde. Dieſes Verbrechen pflegt der Staat immer ſtreng zu beſtrafen, denn wenn die Menſchen die Güter dieſer Welt allem übrigen vorziehn, ſo verkennen ſie den Zweck, welcher ſie zum geſelligen Verbande zuſammengeführt hat.

Vater, wollteſt Du von einem gewiſſen Francesco Frontoni ſprechen?

.Ja, Hoheit, ſo hieß er. Der Unglückliche hatte einen Mann zum Freunde und Vertrauten, welcher als Freier ſeiner Tochter um