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Gerechtigkeit zu bitten. In ſolcher Angelegenheit gilt es kühn ſeyn, um nicht ſeinem eignen Charakter und der guten Sache etwas zu vergeben.“
„Gerechtigkeit iſt der Stolz des heiligen Marcus und das Glück ſeiner Unterthanen. Dein Verfahren, Vater, iſt nicht der beſtehenden Ordnung und den heilſamen Schranken gemäß— doch es findet vielleicht ſeine Vertheidigung— ſtelle Dein Anliegen vor.“
„In den Gefängniſſen ſitzt Einer, den die öffentlichen Gerichte zum Tode verurtheilt haben und der, ſobald der Tag wiederkehrt, ſterben muß, wenn Euer fürſtlicher Machtſpruch ihn nicht rettet.“
„Wenn ihn die Gerichte verurtheilt haben, ſo wird er ſein Schickſal wohl verdienen.“
„Ich bin der geiſtliche Rathgeber des unglücklichen jungen Mannes, und habe bei der Ausübung meines heiligen Amtes er⸗ mittelt, daß er unſchuldig iſt.“
„Sagteſt Du, verurtheilt von den gewöhnlichen Gerichten, Vater?“
„Zum Tode verdammt, Hoheit, durch einen Spruch des Cri⸗ minalgerichtes.“ 4
Der Fürſt ſchien erleichtert. So lange die Sache öffentlich war, hatte er wenigſtens Hoffnung, ſeiner natürlichen Menſchen⸗ freundlichkeit nachzuhängen und weiter zu hören, ohne der ver⸗ ſchlungenen Staatspolitik zu nahe zu treten. Er warf einen Blick auf den unbeweglichen Inquiſitor, gleichſam forſchend, ob dieſer es billige, und trat dem Karmeliter einen Schritt näher, mit zunehmen⸗ der Theilnahme an dem Geſuche.
„Mit welcher Berechtigung, ehrwürdiger Prieſter, widerſetzeſt Du Dich dem richterlichen Ausſpruch?“ fragte er.
„Signor, wie ich eben ſagte, in Folge der Kenntniß, welche ich bei Ausübung meines heiligen Amtes gewonnen habe. Er hat ſein Innerſtes mir enthüllt als ein Mann, deſſen Fuß bereits im Grabe ſteht, und obgleich ein Sünder vor Gott, wie alle, die vom Weibe geboren ſind, iſt er doch unſchuldig vor der weltlichen Obrigkeit.“


