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„Dies bietet man mir— in meinem eignen Palaſte!“
„Verzeihung, Signore! Dieſer Prieſter iſt nicht ſchamlos, wie ſo viele, welche die Tonſur in Unehren bringen. Der Mönch und das Mädchen ſehen beide unſchuldig aus und arglos, und Eure Hoheit haben vielleicht vergeſſen—“
Die Röthe von den Wangen verſchwand und ſein Auge nahm wieder einen väterlichen Ausdruck an. Aber ſein Alter und die Er⸗ fahrungen ſeiner ſchwierigen Stellung hatten dem Dogen Vorſicht gelehrt. Er wußte recht gut, daß er nichts vergeſſen hatte und ahnte, daß die ungewöhnliche Meldung eine verborgene Bedeutung haben müſſe. Es konnte ein Anſchlag ſeiner Feinde ſeyn, denn er hatte deren viele und thätige, oder es war vielleicht ein anderer verzeihlicher Beweggrund, welcher zu einem ſo kecken Mittel, ſich Zutritt zu verſchaffen, geführt hatte.
„Hat der Karmeliter ſonſt noch etwas geſagt, guter Marco?“
fragte er nach tiefem Sinnen.
„Signor, er ſagte, daß die Sache dringend wäre, denn die Stunde ſey nahe, wo die Unſchuld leiden könnte. Ich zweifle nicht, daß er kommt, für irgend einen jungen Extravagant zu bitten; denn es ſollen mehrere Jünglinge von Adel wegen ihrer Tollheiten beim Carneval verhaftet worden ſeyn. Das Frauenzimmer mag eine verkleidete Schweſter ſeyn.“
„Laß einen von Deinen Kameraden hereinkommen, und Du, führe die Gäſte mir zu, ſobald ich klingle.“
Der Diener entfernte ſich und ging auf einem andern Wege in das Vorzimmer, um ſich den Wartenden nicht zu früh zu zeigen. Der zweite Kämmerling erſchien ſogleich vor dem Dogen und wurde von dieſem abgeſchickt, einen vom Rathe der Dreie her⸗ beizurufen, welcher in einem nahen Zimmer mit wichtigen Papieren beſchäftigt war. Der Senator leiſtete dem Rufe ſogleich Folge, denn er trat hier als der Freund des Fürſten auf, und war als
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