„Ich habe meine Bibel hier, Judith!“ erwiederte ihre Schweſter mit triumphirender Stimme.„Es iſt wahr, ich kann nicht mehr leſen; es iſt Etwas vor meinen Augen; Du erſcheinſt mir fern und dämmernd— und ſo auch Hurry, wenn ich ihn jetzt anblicke;
— ei, ich hätte nie geglaubt, daß Henry March ſo matt und grau
ausſehen könnte! Was mag der Grund ſeyn, Judith, daß ich heute ſo ſchlecht ſehe? ich, von der Mutter immer ſagte, ich hätte die beſten Augen in der ganzen Familie? Ja, das war es, mein Geiſt war ſchwach— was die Leute halbklug nennen— aber meine Augen waren ſo gut.“
Judith ſtöhnte wieder; dießmal war es kein auf ſie ſelbſt Bezug habendes Gefühl, kein Rückblick in die Vergangenheit, was ſte ſchmerzlich ergriff. Es war der reine, herzinnige Jammer ſchweſterlicher Liebe, erhöht durch das Gefühl von der ſanften Demuth und vollkommnen Wahrhaftigkeit des Weſens, das vor ihr lag. In dieſem Augenblick hätte ſie gern ihr eignes Leben hingegeben, um das Hetty's zu retten. Da aber dieß außer dem Bereich menſchlicher Macht lag, fühlte ſie, daß ihr Nichts übrig bleibe, als Trauer und Kummer. In dieſem Augenblick kam Warley wieder in die Cajüte zurück, gezogen von einem geheimen Antrieb, dem er nicht widerſtehen konnte, obgleich es ihm eben jetzt zu Mukhe war, als würde er gern den amerikaniſchen Con⸗ tinent für immer verlaſſen, wenn es thunlich wäre. Statt an der Thüre ſtehen zu bleiben, trat er jetzt ſo nahe an das Lager der Leidenden, daß er ihr deutlicher ſichtbar wurde. Hetty konnte noch größere Gegenſtände unterſcheiden, und ihr Blick heftete ſich bald auf ihn.
„Seyd Ihr der Officier, der mit Hurry kam?“ fragte ſie. „Wenn Ihr es ſeyd, ſo ſind wir Euch alle Dank ſchuldig; denn wenn auch ich verwundet bin, iſt doch das Leben der Uebrigen gerettet. Hat Euch Harry March geſagt, wo wir zu finden und wie bedürftig wir Eurer Hülfe ſeyen?“
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