Jahrgang 
6 (1851)
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edderic von Norrmann.

durch deren Finger Thränen wie Gießbäche her⸗ vorſtrömten.

Und endlich kniete neben dem Lager der Dame, nach welcher der unerbittliche Senſenmann ſchon ſeine dürren Finger ausſtreckte, ein ſchöner Jüng⸗ ling von vielleicht zwanzig Jahren, der die eine Hand der Kranken mit ſeinen Küſſen und mit ſei nen Thränen bedeckte.

Das waren böſe Zeichen, und Niemand wird zu behaupten wagen, daß ſich ſo ein ungetrübtes Glück kundgiebt, beſonders da das immer heftiger werdende Schluchzen der beiden Männer jedem Andern deutlich verrieth, wie ſie erſt das volle Maaß eines für ſie eintretenden Schmerzes er⸗ warteten.

Dem war wirklich ſo, und augenſcheinlich hatte die Dame eben geſprochen, um für immer Abſchied von ihnen zu nehmen, und nur inne ge⸗ halten, um nach der durch das lange Sprechen hervorgerufenen Anſtrengung neue Kräfte zu ſammeln.

Als dies geſchehen, fuhr dieſelbe mit leiſer Stimme fort:

Ja, mein Fedderic, ich gehe aus der Welt, und es wird Zeit, daß dies geſchieht; denn meine Aufgabe iſt erfüllt und ein längeres Leben könnte nur dazu dienen, meine Qual zu vermehren, wie es geeignet wäre, Dich noch unglücklicher zu machen, als Du es ſchon biſt, da mit dem her⸗ annahenden Alter meine Liebe zu Dir wächſt und mir zugleich die Kraft ſchwindet, meiner Pflicht treu zu bleiben. Ich habe den Tod ſchon längſt und mit Sehnſucht erwartet. Doch glaube nicht, mein Fedderic, daß dieſe Sehnſucht dem Wunſche entſprungen, mich von Dir zu trennen. Nein, mein Sohn; gern hätte ich noch länger mit müt⸗ terlicher Sorge über Deine Tage und das Glück Deiner Zukunft gewacht, die mir, Gott weiß es, ebenſo ſehr am Herzen liegt, wie dieſes Herz ſeit faſt zwanzig Jahren nur für Dich allein auf der Welt geſchlagen hat. Aber ich gehorchte, trotz dieſes Verlangens nach dem Tode, dennoch einer höheren Macht, der auch Du gehorchen mußt, mein lieber Sohn, nämlich dem Willen Deines Vaters, welchen Dir zu eröffnen meine letzte

Pflicht iſt.

Wiederum ſchwieg die Dame erſchöpft und ſchlug den erſterbenden Blick zum Himmel auf, als wolle ſie von ihm erflehen, ihr zur Voll⸗ bringung dieſer Pflicht die nöthigen Kräfte zu verleihen.

Darnach aber, fuhr ſie nach einigen Se⸗ kunden fort, müſſen wir ſcheiden, mein Sohn, und auch Ihr müßt ſcheiden, denn ſo lautet die Beſtimmung! Lorſen, nimm Abſchied von Fed⸗ deric, küſſe meine Stirn, dann gehe hinaus, ſattele Fedderics Pferd und kehre nicht früher zurück, als bis er an den Ufern der Klara⸗ Elf verſchwunden iſt. Dann aber beſorge mein Begräbniß. Alles, was ich beſaß, gehört Dir allein; es wird für die Tage, welche Dir der Himmel noch ſchenkt, wohl ausreichen. Sollte Dich aber die Schwäche des Alters zu über⸗ mannen drohen, ſo denke an meinen Tod; Du biſt ein Mann und wirſt Dich nicht von dem ſchwachen Weibe beſchämen laſſen wollen. Be⸗ wahre Dein Geheimniß, wie ich es bewahrte, und nimm es mit in das Grab, wie ich es thue. Du aber, Fedderic, mein Sohn, bleibe bei mir, wenn ich Dir den Willen Deines Vaters eröffnet und Dir meinen Segen ertheilt habe, damit Du mir, Deiner Mutter, die Augen zu⸗ drücken kannſt. Thut jetzt, wie ich Euch ge⸗ heißen!

Als die Dame, deren Stimme immer matter geworden, geendet hatte, barg der Jüngling ſein vom Weinen geröthetes Antlitz in das Kiſſen und ſchluchzte heftiger.

Der ältere Mann aber ſtürzte neben dem Bett auf ſeine Kniee, rang die Hände, blickte zum Him⸗ mel auf und ſchrie:

Barmherziger Gott, warum nimmſt Du mich nicht auch hinweg aus dieſem Jammer⸗ thal? Warum ſoll ich noch leben mit dem quä lenden Bewußtſein, der Mitwiſſer eines Unheils zu ſein, das ich nicht verhüten konnte und noch weit weniger gut machen kann? O möchte dieſe Trennung mein Herz brechen und mein Elend enden!

Mach fort, Alter! ſagte die Dame, welche noch mehr durch ſeine Worte erſchüttert wurde, als ſie es bereits war. Mach fort, Alter, oder

willſt. gönnt zu erf rief d barer

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