Nanny hatte während dieſes Geſpräches kei⸗ nen Zug und keine Miene der beiden jungen Leute verloren. Aufmerkſam folgte ſie mit ihren großen Augen jeder Bewegung, und ſah auch dieſen letzten Blick des Einverſtändniſſes zwiſchen Robert und Conſtance; ſie ſtand nach demſelben unbemerkt vom Tiſche auf und entfernte ſich.
Das Mädchen war jetzt dreizehn Jahre alt, und obwohl man ſie Kind nannte, für ihr Al⸗ ter merkwürdig herangereift, wie man es ſonſt ſelten bei Jungfrauen des nördlichen Himmels⸗ ſtriches findet. Gewiß aber hatten die Gefah⸗ ren, die Störung einer gewohnten Lebensweiſe und der zweimalige plötzliche Wechſel ihrer Lage in der letzten Zeit den Gang der Entwickelung zur Jungfrau unterbrochen und die Kriſis der⸗ ſelben früher herbeigefuͤhrt; ſodann aber war es kein Wunder, wenn ſie mit ganzer Seele an Robert hing, der ſie gerettet, der ſie mit ſeinem eigenen Blute ernährt, und mit dem ſie in der letzten Zeit ſtets zuſammen geweſen, und wenn ſie denſelben bereits anders, als wie einen Bruder oder einen Vater zu lieben begann.
Die kleine Schwedin, welche ſchon früher Roberts Gefühle für Conſtance bemerkt zu ha⸗ ben glaubte, und jetzt in ihrem immer noch rein kindlichen Gemüthe von der Neigung deſſelben zu ſeiner Couſine überzeugt war, begab ſich in einen Winkel und weinte bitterlich.
Ihre Entfernung hatte bei Tiſche Niemand bemerkt, man ſcherzte und lachte weiter; ſelbſt als der ſchöne, laue Abend des Spätſommers zu einem Spaziergang im Park verlockte, fiel es Niemand auf, daß die Kleine bereits lange fort war, ſo ſehr hatte Jeder der Geſellſchaft mit ſeinen eigenen Gedanken und Gefühlen zu thun.
Obgleich Alle zuſammen den ziemlich geräu⸗ migen Park des Herrn von B. betraten, ſahen ſich merkwürdiger Weiſe Robert und Conſtance doch bald in dem abgelegenſten Theile deſſelben allein.
— Darf ich Ihnen meinen Arm bieten, Fräulein Conſtance? ſagte Robert zaghaft.
— Fräulein?! rief das Mädchen zurückwei⸗ chend. Lieber Couſin, Sie ſind recht artig!
— Oh, Couſin. Ich bin nicht Ihr Couſin,
mein Fräulein! ſtolzer Herr?
— Was ſind Sie denn, mein — Conſtance! — So iſt es recht, das laſſe ich mir gefal⸗ len, Robert!
Das Mädchen nahm hiirnach den Arm des ſ
jungen Mannes, und Beid chritten unter dem Laubdache der Gänge in einem traulichen Dun⸗
An und auf d
er See.
kel hin, ohne jedoch vorläufig ein Wort weiter zu wechſeln.
Endlich brach Robert zuerſt das Schweigen.
— Conſtance, ſagte er leiſe und ſchüchtern, ich bin nur der Pflegling und Schützling Ih⸗ res Großoheims, und ſtehe dem Fräulein von B. ſehr fern!
— Robert—! entgegnete Conſtance vor⸗ wurfsvoll, und wäre die Finſterniß nicht zu dicht geweſen, würde der junge Mann gewiß durch den ſeelenvollen Blick, welchen die Cou⸗ ſine auf ihn geworfen, ermuthigt worden ſein.
— Nun jal ſagte er ein wenig beſchämt. Wenn Sie es wünſchen, Couſinchen, will ich gern Ihr Vetter ſein, doch—
— Ohl lachte Conſtance. Ich wünſchte wohl noch ein wenig mehr!
— Und dies wäre in Bezug auf meine Perſon?—
— Daß Sie dem Couſinchen auch ein wenig zugethan wären.
— Conſtance— ich bin nur ein Menſch von unſicherem Herkommen—
— Oh, Vetter, ich habe es nur mit Ihnen und nicht mit Ihrem Herkommen zu thun. Sagen Sie, könnten Sie mir wohl ein wenig gut ſein?
Robert ſeufzte, und Conſtance, in deren Bruſt ſich neue Zweifel zu regen begannen, er⸗ bebte leiſe.
— Haben Sie ſich wohl manchmal meiner erinnert, Robert? fragte ſie zaghaft.
— Können Sie noch fragen, Conſtance?
Ihr Bild ſtand ſtets vor meiner Seele, es war mein Troſt während der Stunden, in welchen mich die Verzweiflung zu erfaſſen drohte.
— So bin ich glücklich.
— AOch, Conſtance!
— Robert!
— Conſtance, ich— doch darf ich es ge⸗ ſtehen—?
onſtance ſchwieg.
88 5 dwleges faſt ſechs Jahre, daß ich an Sie dachte—
Die junge Dame drückte Arm ihres Begleiters.
— Daß ich Sie liebte—.
— Robert! flüſterte das Mädchen.
— Doch, fuhr Jener fort, ich wagte nicht 1 hoffen.. 1 zuf Robert, lispelte Loaſane⸗ ich hatte Sie nicht geſehen, um Sie zu vergeſſen. Ihi eſehene agnie marchoce das Herz des jungen Mannes; auch er drückte den Arm des
unmerklich den


