Jahrgang 
5 (1851)
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anders, als daß Robert ein neues Unglück be⸗ gegnet ſei, welcher Glaube dadurch, daß er je⸗ den Tag den Brief deſſelben wiederum durch⸗ ſtudirte, noch mehr unterſtützt wurde. Wendt hatte genug zu tröſten.

So war der Sonnabend herangekommen und von ihm der Abend, das heißt die Zeit, wo die Wochenarbeiten beendet ſind, die Leute ihren Lohn ausgezahlt bekommen und noch ſo Verſchiedenes zu ordnen iſt. Man war in der Ernte, und da gab es denn faſt für Jeden zu thun, oder unthätig der Thätigkeit Anderer zuzuſchauen. Kurz, es war ein Moment eingetreten, in wel⸗ chem man weniger als ſonſt an den ſo ſehnlichſt erwarteten Robert dachte, überdem, da Conſtance vor Kurzem von ihrem Spaziergange zurückge⸗ kehrt war, ohne etwas zu erblicken, das die An⸗ kunft deſſelben andeuten konnte.

Da hörte man von dem Thore her die Laute Brrr oh ha! durch das Geräuſch der Räder eines Wagens, und die vor der Thüre befindlichen Bewohner des Schloſſes horchten hoch auf.

Seht nach, Wendt, was es giebt, ſagte der Major, und Wendt ſetzte ſich in Bewegung. Keine dreißig Sekunden ſpäter rief er:

Herr Major, Herr Major der Robert!

Den Aufruhr, welchen dieſe Worte hervor⸗ brachten, kann man ſich denken; Alles eilte nach dem Thore, und ſelbſt der Major und Martha ſchienen ſich verjüngt zu haben.

Robert hatte zwar zuerſt ſeinen Vater um⸗ armen wollen, aber Wendt ließ es dahin nicht kommen, und ſein einſtiger Pflegling, von dem⸗ ſelben Drange geleitet, hing an dem Halſe des So trafen die Herzukommenden Beide.

Jetzt aber machte der Major ſeine Vater⸗ rechte geltend, und unter verſchiedenen freudigen Ausrufen drückte er den Sohn an ſeine Bruſt. Dann kam Mutter Wendt an die Reihe, nach ihr Martha und hinterher die ſieben Wendt⸗ ſchen Jungen, Robert's Brüder, und ſchließlich nochmals die drei Eltern. Glücklicher und ar⸗ mer Robert! er hatte ein Eltern⸗Trio und doch kein Elternpaar.

Zuſchauer dieſer Scene gaben der Regie⸗ rungsrath, deſſen Gemahlin und Kinder, ſo wie das ganze Hausperſonal ab.

Als Robert ſo viel Luft bekam, ſich umſchauen zu können, ward er eine Geſtalt gewahr, die plötzlich ſein Blut ſiedend heiß werden ließ; auch Conſtance erröthete.

Robert hatte ſich verändert, wie dies nicht anders ſein konnte; er war gewachſen, ſtärker ge⸗

worden und ſeine Wangen waren gebräunt. Sein Bart keimte und ſeine Bewegungen hatten be⸗ reits jene Sicherheit, die den ausgewachſenen, kraftvollen Mann nicht verkennen läßt; aber für diejenigen, welche ihm nahe ſtanden, war dieſe Veränderung nicht ſo groß, daß er ihnen unkenntlich geworden.

Auch Conſtance hatte ſich verändert, jedoch in anderer Weiſe, als der Jüngling. Die Kind⸗ heit war von ihr abgeſtreift und die völlig ge⸗ reifte Jungfrau mit der ganzen Zartheit und den anmuthigen, gerundeten Formen ihres Ge⸗ ſchlechts ſtand vor dem jungen Manne. Die Züge des Antlitzes aber waren dieſelben geblie⸗ ben, und wenn etwas mit ihnen vorgegangen, ſo konnte dies nur auf eine Erhöhung der Regel⸗ mäßigkeit hinauslaufen, welche jedenfalls zu ihrem Vortheil war.

Robert ward, wie man ſich denken kann, nicht wenig überraſcht, die junge Dame hier zu treffen.

Conſtance hatte natürlich mit der Ueber⸗ raſchung nur in ſofern zu thun, als ihre Wünſche und Hoffnungen, den Geliebten wiederzuſehen, zu einer Zeit in Erfüllung gingen, in der ſie nicht an die Verwirklichung derſelben dachte; ſie hatte Muße gehabt, während der Umarmungen Robert genügend zu betrachten und auch noch Conſtance war ein Weib ihr Auge auf die kleine Nanny, welche mit dem alten Valen⸗ tin auf dem Wagen geblieben war, ruhen zu laſſen.

Der Major bemerkte die Verlegenheit der beiden jungen Leute und rief, noch immer außer ſich vor Freude:

Fahre nur fort, mein Junge; es ſind Deine Couſinen!

Couſinen? fragte Robert erſtaunt.

AHch, beinahe hätte ich vergeſſen! ſagte der Herr von Kamenz und ſtellte nun die Fa⸗ milie des Herrn v. B. ſeinem Sohne und die⸗ ſen den Mitgliedern jener vor.

Robert fuͤhlte ſich durch die Gegenwart der⸗ ſelben beklommen, und es iſt erklärlich, daß ſich überhaupt Alle noch nicht ſo recht in ihre neue Lage zu finden wußten. Valentin, welcher ſo lange gewartet hatte, hob endlich die Verlegen⸗ heit, indem er rief:

Nun, Herr Major, war's recht ſo?

Ah, Valentin! erwiederte der Major und reichte ſeinem früheren Leibkutſcher die Hand. Ihr ſeid ein braver Burſche, kommt herab und ſeid mein Gaſt!

Werd's auf kurze Zeit ſein, ja! ſchmun⸗ zelte Müller und kletterte von ſeinem Wagen.