Jahrgang 
5 (1851)
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196

An und auf der See.

Robert ſchauderte. Die kleine Nanny lag

ohnmächtig am Boden.

Nochmals erhob der Kapitain ſeinen Kopf.

Robert mein Sohn! keuchte er ſei mein Erbe dort liegt liegt Er zeigte mit der Hand auf das Kind, wollte noch weiter ſprechen, doch ſein Haupt ſank herab; den Mund weit geöffnet, ſtürzte er mit einem krampfhaften Ruck über die Ruderbank fort der Länge nach zu Boden.

Roberts Zuſtand war dem eines Schwer⸗ kranken zu vergleichen, welcher nach überſtande⸗ ner Kriſis den erſten lichten Augenblick bekommt.

Er wußte nicht, hatte er gelebt oder hatte er geträumt, wachte er oder liege er noch in einem ſchweren, fuͤrchterlichen Traume. Es war ihm, als befände er ſich immer noch auf der Boruſſia.

Erſt das Geſchrei des wieder zum Leben er⸗ wachten Kindes machte ihm die grauenhafte Gegenwart hinlänglich deutlich; der eintretende Schmerz ſeiner Wunde und die beiden Leichen ſagten ihm, daß Alles Wirklichkeit ſei.

Mit dieſem Begriffe ſtellte ſich indeß auch wieder der grimmigſte Hunger ein.

Nimmermehr! rief er, ergriff den Körper des Norwegers und warf ihn über Bord. Hin⸗ terdrein den des Kapitains.

Mein Vater, mein Vater! jammerte die Kleine, laß mir den Vater!

Ich werde Dein Vater ſein, wenn Du noch eines ſolchen bedarfſt, ſagte Robert, dem ſich bei dem Geſchrei des Kindes die Haare ſträubten.

Nein, nein! ſchluchzte das Kind, Du biſt kein Vater!

Robert, noch vor wenigen Augenblicken ſo ſtark, war jetzt kaum Herr ſeiner ſelbſt. Das Blut trat ihm nach dem Herzen; der Gaumen war vertrocknet. Mit gierigen Blicken ſah er um ſich und brach in laute Klagen aus, daß er die Todten über Bord geworfen. Sein Auge fiel auf das Mädchen; er ballte ſeine Fäuſte. Die Anſpannung der Muskeln des beſchädigten Armes verurſachten ſtechenden Schmerz in der Wunde, ein zweiter durchfuhr ſeine Bruſt.

Von dem nicht ganz zum Ausbruche gekom⸗ menen Wahnwitze ging ſein Gefühl zur Weh⸗ muth über und Thränen füllten ſeine Augen.

Erſchrocken hatte das Kind auf die Züge des jungen Seemannes geblickt, welche die Leiden⸗ ſchaften des Innern abſpiegelten.

Das Auge des Letzteren fiel auf den an ſeinem Aermel hinabrinnenden Blutſtrom. Ein leichter Schauer wie Fieberfroſt überflog ſeinen

fort; ihm ward ſchwindlich. Dann aber riß er die Jacke herunter, und während ſich die Zähne tief in das eigene Fleiſch gruben, trank er aber⸗ mals ſein Blut.

Die ängſtlichen Blicke des Kindes verwan⸗ delten ſich in Lüſternheit.

Robert bückte ſich zu ihm nieder, hielt den Arm an den Mund des Mädchens, und mit Gier ſchluckte daſſelbe die warme rothe Flüſſig⸗ keit hinunter. Robert ſchlang den rechten Arm um das Kind, ein wonniges Gefühl durchſtrömte ſeine Bruſt. Dankbar blickte er zum Himmel auf, daß ihm das Gräßliche erſpart worden. Endlich nahm er der Kleinen den Arm. Mehr, mehr! rief dieſe. Doch Robert wehrte ihr.. Heute nicht, liebe Nanny, ſagte er mild. Bitte, bitte, guter Bruder! rief ſie, ihre Händchen emporſtreckend.

Die Nahrung, die Wärme derſelben, der eben ihr gewordene, vielleicht unvergleichliche Genuß ließen ſie Alles um ſich her und das erſt vor Kurzem Geſchehene vergeſſen. Sie lächelte zu der rührenden Bitte.

Doch Robert zerriß ſein Hemd und legte einen Verband um den Arm.

Entkräftung, Anſtrengung, der Blutverluſt äußerten ihre Wirkung, Robert verſank in einen tiefen Schlummer. Als er wieder erwachte, fühlte er ein ſchmerzhaftes Zucken; die Kleine umklammerte krampfhaſt ſeine benagte Hand.

Jetzt aber fühlte er ſich wirklich krank, von Fieberſchauern geſchüttelt, und der mit der ein⸗ tretenden Dämmerung aufſpringende friſche Wind drang ihm bis auf die Knochen.

Betrübt ſetzte ſich Robert mit dem Mädchen auf die Steuerbank; er glaubte nicht den näch⸗ ſten Tag zu erleben. Doch der Menſch vermag

viel zu ertragen. den heftigſten Schmerzen

Nach einer unter verbrachten ſtürmiſchen Nacht fuͤhlte ſich Robert wohler. Sein Hun⸗

am andern Morgen etwas ger ſchwieg, deſto mehr dagegen mahnte die Kleine und liebkoſte den Nahrung ſpendenden Arm. Er nahm das Meſſer und erweiterte die Wunde ein wenig, um das Kind zu ſättigen.

Plötzlich entdeckte er am ſüdöſtlichen Hori⸗ zonte einen langen, Nebelbanken ähnlichen Streif. Robert ſprang auf und rief mit einer Stimme, als wolle er der ganzen Welt ſeine Entdeckung verkünden:

Land! Land! Land!

Aufregung und

Koͤrper. Mit Ekel und Abſcheu wendete er ſich

ten um die Wette.

Das Kind ſtimmte mit ein und Beide jubel⸗