Jahrgang 
5 (1851)
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An und auf der See.

Ohne ein Inſtrument zur Leitung des Fahr⸗ zeuges, ohne Waſſer, ohne die geringſten Nah rungsmittel, kaum mit den nothdürftigſten Klei⸗ dun gsſtücken verſehen, waren die ſechs Menſchen in der zerbrechlichen Nußſchaale ein Spielball der Wogen. Auf die plötlliche ſchreckhafte Er⸗ regung und Anſtrengung folgte Erſchlaffung und Indolenz. Dieſelben Menſchen, welche noch vor Kurzem in größter Verzweiflung das nackte Leben zu retten ſuchten, lagen jetzt ſtumpf und gleichgültig gegen die ſie umgebenden drohenden Gefahren umher. Wohl möglich, daß ſie ein⸗ ſahen, wie werthlos das gerettete Gut unter dieſen Umſtänden ſei.

Niemand ſprach ein Wort, nur das laute Schluchzen des Kapitains, welcher die verlorene Gattin beweinte, ließ ſich vernehmen. Ein wohl⸗ thätiger Schlummer hatte das Kind augenblick⸗ lich ſeiner gräßlichen Lage entrückt. Roberts Herz blutete.

Immer noch ſah er die gütige Frau, ſtumm in das Meer ſinkend, vor ſeinen Blicken. Der fürchterlichſte Gedanke, welcher nur eine Men⸗ ſchenbruſt erfüllen kann, tauchte in ihm auf. Er glaubte das Unglück an ſeine Ferſe gefeſ⸗ ſelt für ſich und Andere mit umherzuſchleppen.

Ein dicker Nebel, welcher die Kleidungsſtücke durchnäßte, machte die Lage der Armen noch trauriger; frierend und zähneklappernd erwartete man den Morgen.

Er kam, jedoch nur, um ihnen erſt ganz das Schreckliche des ſie betroffenen Unglücks zu zeigen.

XXXVI. Verzweiflung.

Fünf Tage waren vergangen und der Mor⸗ gen des ſechsten brach an.

In ihrer ganzen Pracht erhob ſich die Sonne aus dem Meere, welches letztere, von keinem Hauche bewegt, eine unendliche ſpiegelglatte Fläche bildend, klar wie Kryſtall, dem Auge erlaubte, bis auf den Grund zu dringen. Luft und Waſſer prangten in den verſchiedenſten Tin⸗ ten, vom ſchönſten Smaragd und Azur bis zum brillanteſten Purpur. Das Boot der Schiff⸗ brüchigen bewegte ſich nicht von der Stelle. Doch die in demſelben befindlichen Perſonen hatten kein Auge für die Schönheit der Natur. Aengſtlich ſuchend ſchweifte der Blick am Ho⸗ rizont umher und fiel nach vergeblicher Anſtren⸗ gung, dort etwas zu erhaſchen, wieder ſtier auf

den Boden der Schaluppe zurück. In der Mitte derſelben lag das abgenagte Gerippe und einige Ueberbleibſel von dem Felle des Pudels.

Grauſige Verzweiflung lag auf den blaſſen, abgemagerten Geſichtern.

Eine Stunde verlief. Niemand ſprach, Nie⸗ mand bewegte ſich; denn die leiſeſte Abänderung in der Lage der Gliedmaßen verdoppelte den Hunger, welcher in den Eingeweiden wühlte.

Auf denſelben Plätzen, wo wir ſie bei der Abfahrt von dem brennenden Schiffe fanden, die drei Matroſen am Vorderſteven, der Kapi⸗ tain mit ſeinem Kinde auf der Steuerbank, vor den beiden Letzteren Robert, auf den Backbord gelehnt, das Haupt mit der hohlen Hand ſtützend, ſchienen die Unglücklichen den Hungertod, den ſchrecklichſten von allen, erwarten zu wollen.

Mich duürſtet! ächzte die kleine Nanny, ihre großen blauen, weit aus den Höhlen ge⸗ tretenen Augen auf den Vater richtend.

Dich dürſtet? ſagte Nordenſtern. Armes Kind!

Durſt, Durſt! murmelte einer der Ma⸗ troſen und fuhr mit der Zunge über ſeine ver⸗ trockneten Lippen.

Robert hob langſam den Kopf und betrach⸗ tete beide Gruppen.

Abermals verging eine Stunde.

Kapitain Nordenſtern, deſſen Trauer noch durch den Verluſt des treuen Weibes vergrößert worden, litt mehr als alle Uebrigen. Auf bei⸗ den Backenknochen des eingefallenen, aſchfar⸗ benen Geſichtes zeigte ſich ein dunkler, grau⸗ röthlicher Fleck, ſein Athem war keuchend und er fieberte fortwährend.

Robert! ſtöhnte er und deutete auf ſeine Bruſt.

Mitleidig blickte der junge Mann zu ihm hinüber.

Mein Vater! flüſterte das kleine Mäd⸗ chen und ſuchte die Hand deſſelben zu ergreifen. Nordenſterns Kopf ſank auf den Spiegel des Bootes; er röchelte laut. Ein Matroſe riß das Lederfutter aus ſeinem Hute und verſchlang es.

Beim Anblick dieſer Bewegung traten die Augen der andern beiden Männer weit aus den Köpfen; Robert hielt ſich mit beiden Hän⸗ den den knurrenden Magen, und Nordenſtern erhob auf einen Augenblick das Haupt, um es jedoch ſofort wieder ſinken zu laſſen.

Die drei Männer im Bug des Fahrzeuges warfen einen Blick thieriſcher Gier auf das Kind; ihre Stirn verfinſterte ſich und die Backenmuskeln dehnten ſich weit aus. Fragend ſchauten ſie einander an.