Jahrgang 
1 (1851)
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n Reich grabant, riiheilt

Brabant hörte und empfand nichts. Er wußte, daß ihm all' ſeine Glieder zerbrochen waren, daß er keine Bewegung mehr machen konnte, aber er fühlte nur den dumpfen, betäu⸗ benden Schmerz dieſes Bewußtſeins, nicht den körperlichen Schmerz, denn er lag regungslos, ohne auch nur daran zu denken, eine Bewegung zu machen. Es gab Augenblicke, in denen Bra⸗ bant glaubte, er ſei bereits geſtorben und müſſe ewig, ewig in dieſer entſetzlichen Lage bleiben.

Er hörte es wohl, daß die Thür ſeines Ker⸗ kers klirrte und daß Schlüſſel raſſelten; aber er achtete nicht darauf. Er hörte auch eine rauhe Stimme ſagen: Zehn Minuten Zeit! aber auch das machte keinen Eindruck auf ihn. Er glaubte, man wolle ihm noch zehn Minnten Zeit zu leben gönnen und er hätte gewünſcht, daß ſchon der nächſte Augenblick ihn von einer ſo qualvollen Laſt befreie.

Er hatte nicht die hohe weibliche Geſtalt, die in tiefe Trauer gehüllt, ein Kind auf dem Arme tragend, leiſe in den Kerker getreten war, geſehen. Er ſah nicht die verſtörten, zerrütteten Züge dieſes Weibes, das unbeweglich daſtand und mit den erloſchenen, glanzloſen Augen irgend einen Gegenſtand zu ſuchen ſchien, bis ihr Blick endlich auf jene regungsloſe, männliche Geſtalt fiel und ein unwillkürlicher Laut des Entſetzens ihren Lippen entfuhr.

Bei dieſem Laute zuckte Brabant zuſammen, aber er machte keine Bewegung ſich aufzurichten oder die Augen zu öffnen. Wer iſt da? flüſterte er mit einer Stimme, die kaum hörbar erſtarb.

Das Weib mit dem Kinde trat näher; ihr Schritt zitterte. Sie beugte ſich über den Kör per des Liegenden, ſah ihm ins Antlitz und ſtieß einen furchtbaren, entſetzlichen Schrei aus, der das Gewölbe erzittern machte.

Kraftlos ſank ſie nieder, das blaſſe Kind krampfhaft an ihr Herz drückend und mit einer Ohnmacht kämpfend, die ihren dunklen Schleier bereits über die Augen des Weibes zu breiten begann. Aber endlich ſchien der feſte Wille und die Kraft des Weibes zu ſiegen. Ihr Geſicht nahm den Ausdruck einer finſteren Entſchloſſen⸗ heit an, ihre Augen funkelten im Muthe der Verzweiflung.

Biſt Du es wirklich, Maxie? flüſterte Brabant und ließ den Arm, den er zu erheben verſucht, unter leiſem Stöhnen wieder ſinken. Lebſt Du noch? Oder iſt es nur ein Traum, der mir Dein liebes Bild vorſpiegelt?

Er hatte die Augen ein wenig geöffnet und warf durch die Wimpern einen jammervollen Blick auf ſein Weib.

Ich bin es, ja, ich bin es! flüſterte Ma rie. Heut endlich, nachdem ich gebettelt, gedroht, geraſt, hat man mir, Deinem Weibe erlaubt, Dich wiederzuſehen, heute, wo ſchon das Geruſr aufgerichtet iſt, auf dem Du verbluten ſollſt, Brabant! O, ſuche keine Thräne in meinem Auge, Hennig! Es iſt vertrocknet. Ich weiß nicht mehr, was Schmerz, was Jammer iſt! Mein Hirn brennt mir und in meinem Herzen wühlt die Verzweiflung. Brabant, ich habe alle meine Kraft aufgeſpart für dieſen Augenblick. Ich werde ihn überſtehen. Dann iſt mein Schickſal erfüllt. 4 Brabant, haſt Du mir noch etwas zu ſagen?

Nein, Marie! flüſterte Brabant. Noch einmal fühle ich Deinen Athem an meiner kal ten Wange, ich hatte es nicht mehr gehofft, ich danke meinen Peinigern für dieſe letzte Gnade. O, Du bringſt mir Troſt, Marie! Du ſagſt mir, daß das Gerüſt errichtet ſei, ich danke Dir für dieſe Nachricht. Ich ſehne mich nach dem Augen⸗ blick, der meinen Leiden eine Ende machen wird.

Ich glaube es, Hennig! ſagte Marie ton⸗ los. Mein einziger Wunſch iſt der Tod für mich und Dich. Brabant, hier iſt Dein Kind, willſt Du es noch einmal ſehen?

Brabant öffnete wieder die Augen, Marie hielt ihm das Kind entgegen. Es flog etwas wie ein Schatten von Freude über das todten⸗ blaſſe Geſicht des Mannes. Er berührte flüch⸗ tig mit ſeinen Lippen die Stirn des Kindes dann ſank er wieder auf ſein Lager zurück.

Es iſt keine Hoffnung mehr, Brabant? fragte Marie mit der Gleichgültigkeit der Ver⸗ zweiflung.

Keine! antwortete Brabant ebenſo. Ich habe Alles geſtanden, was man von mir vep langt.

Du haſt geſtanden? flüſterte Marie. A Du haſt nichts gethan?

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