Jahrgang 
1 (1851)
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ihren Poſten verlaſſen und waren nach dem Kampfplatz geeilt. Sie brauchten alſo nicht zu befürchten, geſehen zu werden. Aber ein ande⸗ res Hinderniß ſtellte ſich ihnen entgegen. Die Stadtmauer war hoch, und nirgends war eine Leiter oder eine offene Pforte zu erblicken. So ſtanden ſie denn athemlos am Rande der Mauer und blickten in die dunkle Tiefe vor ihnen hin⸗ unter.

Verteufelt! rief Depenau. Bis hierher ſind wir glücklich entkommen, mitten durch die wahnſinnige Rotte haben wir uns durchgeſchla⸗

gen, und nun ſollen wir hier ſtehen bleiben und

warten, bis die Häſcher kommen und uns hohn⸗ lachend einfangen? Es iſt zum Tollwerden! Haſt Du auch überall nachgeſehen? Nirgends eine Pforte offen?

Nirgends! antwortete Brabant. Hier in der Nähe iſt überhaupt keine Pforte, und die einzige oben am Gieſeler iſt immer ver ſchloſſen. Auch iſt dort eine ſtarke Wache.

Da ſteht nun gerade ein Kahn! rief Depenau wüthend. Der könnte uns im Augen⸗ blick über den Graben bringen, dann wären wir gerettet. Wir müſſen hinabſpringen.

Die Mauer iſt zwanzig Fuß hoch, ſagte Brabant ruhig. Wir müſſen's verſuchen.

Zwanzig Fuß! rief Depenau. Wir bre⸗ chen Hals und Bein. Aber halt! Hörſt Du?

Brabant hörte hinter ſich, nur einige hun⸗ dert Schritt entfernt, verworrenes Geſchrei. Es waren die Verfolger. Sie ſchienen die Spur der Flüchtlinge aufgefunden zu haben. Auch ſahen ſie Fackeln glänzen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Auf der Mauer konnten ſie ſich nicht verbergen.

Es bleibt nichts übrig, wir müſſen hin⸗ abſpringen! rief Depenau. Ich glaube, hier unten iſt weicher Grund. Ich bin behender als Du, Brabant, ich werde zuerſt ſpringen.

Er ſprang hinab. Der Fall war hart und ſchwer, aber Depenau war glücklich geſprungen.

Komm, Brabant! rief er. Es iſt nicht ſo ſchlimm, wie es ausſieht. Nur muthig!

Brabant ſprang. Es war ihm gleichgültig, wie der Sprung gelingen würde. Er war auf

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Alles gefaßt. Nichts ſchreckte ihn. Nur in die Hände ſeiner Feinde wollte er nicht gerathen.

Er ſprang auf einen Stein und knickte um. Er wollte aufſtehen und vermochte es nicht. Halb betäubt von dem hohen Sprung fühlte er einen dumpfen Schmerz unten am Knöchel.

Hebe mich auf, Depenaul ſagte er, ſei nen Schmerz unterdrückend, ich glaube, ich habe mir Schaden gethan.

Depenau richtete ſeinen Freund empor. Bra⸗ bant wollte ſtehen. Er vermochte es nur mit der größten Anſtrengung und indem er ſich auf Depenau ſtützte.

Depenau, ſagte er mit dem kalten Muthe eines Verzweifelnden, Depenau, ich habe das Bein gebrochen!

Unglücklicher! rief Depenau auf's Höchſte beſtürzt und erſchreckt, was ſoll aus uns wer⸗ den? Nimm alle Deine Kräfte zuſammen. Verſuche ſo weit zu kommen, als Du nur irgend kannſt. Nachher ſchleppe ich Dich weiter. Vor allen Dingen müſſen wir über den Graben.

Er führte ſeinen Freund, der mit dem Auf⸗ gebot aller ſeiner Kräfte ſich aufrecht erhielt, nach dem Kahne, ergriff dann eine Stange, die in demſelben lag, und ruderte über den Graben Dann ſetzten ſie ihre Flucht fort, während ſich Brabant auf Depenau ſtützte.

Bald darauf ſahen ſie ihre Verfolger auf der Stadtmauer erſcheinen. Die Wächter ſahen den Kahn und wußten nun, wie die Hauptleute ihre Flucht bewerkſtelligt. Aber ebenfalls die Mauer hinabzuſpringen, dazu bezeigten ſie keine Luſt, und die nächſte Pforte war, wie Brabant vorhin ſchon bemerkt, ziemlich weit entfernt. Sie erhoben deshalb ein Wuthgeſchrei und ver⸗ ließen endlich die Mauer, wahrſcheinlich, um die Verfolgung bei Tagesanbruch fortzuſetzen.

Unterdeſſen ſchleppten ſich die beiden Haupt⸗ leute mühſam weiter. Brabant empfand einen unbeſchreiblichen Schmerz. Aber er verrieth denſelben durch kein Wort der Klage. Nur ſein leiſes Stöhnen bewies ſeinem Freunde, was der edle Mann erdulde.

Die Nacht war ſehr finſter. Der Weg war beſchwerlich, ſteinicht, hügelig, denn auf die Land⸗ ſtraße wagten ſie ſich aus Furcht vor ihren