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Die beiden einſamen Wanderer waren Iwan und ſeine Mutter, zwei Weſen, die dazu be—
ſtimmt ſchienen, den gräßlichſten Ereigniſſen nur den Herzen keinen neuen,
deshalb entriſſen zu werden, um neuen und noch ſchrecklicheren entgegen zu gehen. Wie viele Leiden und Qualen hatte Iwan ſchon erduldet! Wie oft hatte ihm der Tod winſchenswerther erſchienen, als ſein Leben voller Täuſchungen und Martern. Und doch hatte die Kette ſeiner Leiden nie geendet, und ſtatt ſich zu löſen ſchien ſie ihn immer feſter und feſter umſchlingen zu wollen.
Aber noch nie war das Herz Iwans von ſo harten Schlägen getroffen worden, als in den letztvergangenen Stunden. Nie waren die Unglücksſchläge in ſo furchtbarer Haſt einander gefolgt und hatten ihn niedergeſchmettert. Von allen Weſen, die er liebte, war ihm kein ein— ziges geblieben, als ſeine Mutter, und es gab Augenblicke, in denen Iwan wüͤnſchte, daß auch ſie ein Opfer des letzten Tages geworden ſein möchte, damit ſie das Elend, dem ihr Sohn jetzt entgegenging, nicht mitzufühlen und mitzuerdul⸗ den brauche.
Auch als die kühle Nachtluft und die Be⸗ ſchwerden des Weges Iwans Geiſt wieder wach⸗ gerüttelt hatten, erſchien ihm noch Alles wie ein Traum. Auf die Ereigniſſe des Tages ſelbſt, auf den Tod der Fürſtin und Heyden's, auf die Erzählung Natalja's beſann er ſich noch ganz genau. Aber von dem Augenblicke an, in dem er Matthias und Sophie zu Tode getroffen ne⸗ ben ſich hatte niederſtürzen ſehen, erſchien ihm Alles wie ein Nebelbild. Er wollte es nicht glauben, daß Orlow todt, daß Sergei und Be⸗ ſtuſchef gefangen und Natalja, das edle, treue Mädchen gefallen ſei, um ihn vor dem tödtlichen Stoße des Koſaken zu retten. Der Gedanke, daß Alle, Alle, die er früher geliebt und geehrt, ihm jetzt für immer entriſſen, für immer von ihm getrennt ſeien, erfüllte ihn mit einem Ent⸗ ſetzen, das an Wahnſinn gränzte. Die Mutter, welche die Leiden ihres Sohnes wohl zu ermeſ⸗ ſen vermochte, ſchonte ſein Herz. Sie wußte, daß Alles, was hinter ihnen lag, furchtbare nackte Wahrheit ſei. Aber es ſchien ihr gut, ihren Sohn ſich ſelbſt zu überlaſſen, bis er ſich
wieder emporgerichtet habe und fähig ſei, dieſe Wahrheit zu hören. Sie wollte ſeinem bluten⸗ vielleicht tödtenden Stoß verſetzen.
Wie auf der Flucht aus Sibiren, ſo war auch jetzt wieder die Matrone genöthigt, all' ihre Kraft und Stärke aufzubieten, da Iwan unfähig war, irgend eine ſelbſtſtändige Hand⸗ lung zu verrichten. Sie wußte, wohin ein letz⸗ ter Schein von Hoffnung ihren Sohn trieb. Sie erkundigte ſich alſo bei Vorüberreiſenden nach dem Wege, der nach Sophiofka führte, handelte von ihnen Lebensmittel und einen ein⸗ fachen Anzug für ihren Sohn ein, da ſeine jetzige feine und vornehme Kleidung ihn leicht verdächtig machen konnte. Dadurch, daß ſie ihren Sohn ganz ſeinen eignen Gedanken über⸗ ließ, erreichte ſie ihren Zweck vollkommen.
Iwan's zerriſſenes Herz genas nach und nach. Er erkannte die ſchreckliche Wahrheit Alles deſſen, was vorgefallen, und er hatte den Muth, mit ſeiner Mutter über die letzten Augen⸗ blicke auf dem Schloſſe der Fürſtin zu ſprechen. Die Matrone war hoch erfreut darüber, daß ihr Sohn ſich ſelbſt wiedergefunden; aber bald wich ihre Freude einem tiefen Schmerze, denn ſie bemerkte, daß eine gewaltſame, furchtbare Veränderung in Iwan's Gemüth vorgegan⸗ gen war.
Die Leiden, die Iwan von ſeiner früheſten Jugend an, und ſpäter, nachdem er durch merk⸗ würdige Zufälle in das Leben getreten, erdul⸗ det, hatten ſeinen Geiſt, ſeinen Charakter und auch ſeinen Körper geſtählt. Sie hatten ihm eine Feſtigkeit, Beſonnenheit und Beharrlichkeit gegeben, wie man ſie ſelten findet. Nur ſelten, und auch dann nur auf Augenblicke oder Stun⸗ den, hatte Iwan an ſich und der Aufgabe ſei⸗ nes Lebens verzweifelt. Stets war ihm bald das Bewußtſein ſeiner Kraft und ſeiner Pflich⸗ ten zurückgekehrt. Iwan hatte einen Vater, eine Geliebte verloren; er hatte es nicht auf⸗ gegeben, ſie wiederzufinden. Er hatte ſeine Freunde in dem tollkühnen Kampf gegen die Macht des Czaren unterliegen ſehen, aber er hatte nicht daran gezweifelt, daß dennoch die Sonne der Freiheit über Rußland aufgehen werde.


