Jahrgang 
1 (1851)
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gebracht. Aber alle wollte ich vergeſſen für wenige glückliche Stunden mit Dir vereint! O ſage, glaubſt Du wirklich, daß Du mich ſchützen, mich vertheidigen kannſt gegen Kiſſe⸗ lew?

Ja, ich kann es! rief Matthias. Sieh'

dieſe begeiſterten Schaaren um Dich her. Sie Alle haben mir Treue geſchworen. Sie Alle

werden kämpfen bis zum letzten Augenblicke für die Freiheit, für Dich und mich! Sieh' dort meinen Bruder Sergei, meine Freunde Beſtu⸗ ſchef und Orlow und hier meinen theuren Freund Iwan ſie Alle betrachten mein Glück als das ihrige und werden es zu vertheidigen

wiſſen.

In der That eilten Sergei, Beſtuſchef und Orlow herbei. Sie hatten die frohe Kunde bereits erfahren und umarmten den glücklichen Matthias, küßten der edlen Sophie die Hand. Es war ein ſeliger Augenblick. Die letzten Strahlen der Sonne vergoldeten die Fluren und vergoldeten die Waffen und die Rüſtung der Soldaten. Geſang und Jubelgeſchrei tön⸗ ten durch die klare Luft. Sophie ſank berauſcht an die Bruſt Marajew's.

Ja, Matthias, flüſterte ſie, das Schickſal will es! Ich ſollte mit Dir vereinigt werden! Nichts ſoll uns mehr trennen, ich ſchwöre es!

Und ich will Dich lieben, ſchützen und vertheidigen bis zu meinem letzten Athemzuge, rief Matthias. Hört es Alle, ich ſchwöre es! Seid Zeugen meines Schwurs und des Eides meiner Gattin. Von dieſem Angenblicke an iſt ſie mein Weib!

Feſt hielten die Liebenden ſich umſchlungen. Die Soldaten rührten die Trommeln. Eine ſchmet⸗ ternde Siegesfanfare erſchallte durch die Luft. Prächtig ſank die Sonne hinter den dunklen Wald. Eine tiefe, heilige Stille folgte.

Plötzlich erklang von Ferne ein dumpfes Rauſchen, wie das Rauſchen einer heranſtür⸗ zenden Waſſerfluth, oder einer Lawine, die Bäume und Sträucher vor ſich niederknickt. Das Rauſchen und Rollen kam näher und näher. Jeder hörte es. Alle ſtanden ſchweigend und lauſchend mit verhaltenem Athem. Niemand

wußte, wie er dieſes ſchauerliche Tönen zu deu⸗ ten habe.

Das Gebrauſe kam näher und näher. Man hörte einen fernen Schuß, dem nach einigen Minuten ein zweiter folgte. Deutlicher unter⸗ ſchied man das Geräuſch. Es war, als ob ein langer, furchtbarer Windſtoß durch einen dichten Wald brauſe, die Bäume beuge und die dürren Aeſte niederknicke. Ein eigenthümliches Klingen und Dröhnen miſchte ſich in dieſes dumpfe Brauſen.

Alle ſtanden mit klopfendem Herzen, als ob ſie erwarteten, daß etwas Unerhörtes über ſie hereinbreche. Auch die Soldaten hörten es, und lauſchten bang und furchtſam, faſt zitternd.

Es iſt Kiſſelew! Er iſt es! ſchrie So⸗ phie plötzlich auf. Er folgte mir mit der gan⸗ zen Südarmee. Er war ausgezogen, um Euch zu vernichten. Jetzt kommt er, um mich zurück zu veklangen. O ſchützt, o rettet mich!

Eine furchtbare Ahnung fuhr durch die Her⸗ zen der Umſtehenden. Einen Augenblick lang blieben ſie wie verſteinert, während das Rollen, Donnern und Klingen mit wilder Gewalt näher brauſte. Dann brach eine entſetzliche Verwir⸗ rung herein. Zu den Waffen! riefen die Offi⸗ ziere und ſtürzten fort. Die Soldaten lärmten und ſchrieen und ſuchten nach ihren Waffen. Einzelne Kompagnieen, die noch in Ordnung ſtanden, ſtellten ſich auf, ohne zu wiſſen, gegen wen ſie ſich wenden ſollten. Die Gardeküraſſiere flogen nach verſchiedenen Seiten, um die zer⸗ ſtreuten Truppen zuſammenzurufen.

Matthias, Sophie und Iwan waren bei⸗ ſammen geblieben, auf derſelben Stelle, die den Schwur der beiden Liebenden vernommen hatte. Sie ſtanden ſprachlos. Entſetzen blickte aus So⸗ phien's Zügen; Matthias blickte mit weitgeöff⸗ neten Augen ſtarr in die Dämmerung. Iwan fühlte ſein Herz ſtürmiſch pochen. Er ahnte, daß eine entſcheidende Stunde herannahe.

Einige Augenblicke ſpäter beugten ſich die Gebüſche, die einige hundert Fuß entfernt wa⸗ ren. Eine dunkle Wolke brauſte mit Sturmes⸗ gewalt über die zerknickten Sträucher hinweg. Es waren die Reiterkolonnen Kiſſelew's, die ſich