Jahrgang 
1 (1851)
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der Geſinnung, Scharfe des Verſtandes und Feſtigkeit des Charakters, überragte er nicht nur bei Weitem Antonio, ſondern alle ſeine Ju⸗ gendgenoſſen in Neapel. Auch er war der Sache der jungen Freiheit mit aufopfernder Liebe zu⸗ gethan. Aber er ſchwärmte nicht blos für dieſelbe, er träumte nicht blos von ihren Idea⸗ len, wie die Mehrzahl der Jünglinge des nea⸗ politaniſchen Adels, ſondern er überlegte auch raſtlos in ſeinem Geiſte, wie dem Unglücke ſei⸗ nes Vaterlandes, das unter der Herrſchaft des feigen Königs Ferdinand und der ſtolzen, ränke⸗ ſüchtigen Karoline von Oeſterreich ſchmachtete, abgeholfen werden könne. Dieſe Sorge um das Wohl ſeines Vaterslandes hatte dem jugendlichen Geiſte Pietro Colletta's einen ungewöhnlichen Ernſt verliehen. Sein ganzes Denken und Thun war nicht mehr das eines Jünglings, ſondern eines gereiften Mannes, ſein Name hatte einen guten Klang in den Verſammlungen der beſten und weiſeſten Männer von Neapel. Ihm an Geiſt, Feſtigkeit und Scharfe des Charakters ähnlich war Eleonora, die Tochter einer der edelſten, neapolitaniſchen Familien. Wohlbekannt mit den Viſſeenſchaften, die ſonſt nur Männer betreiben, ausgeſtattet mit einem glühenden Geiſte, und begabt mit dem ſchönſten Geſchenke des Himmels, mit dem Dichtertalent, war ſie die Seele der Bewegung, adie von Frank⸗ reich her auch Neapel erſchuͤttert hatte, und be⸗ mühte ſich raſtlos, der jungen Freiheit auch un⸗ ter den Frauen Neapels Freundinnen und An⸗ hängerinnen zu erwerben. Sie verſtand den Werth Pietro Colletta's zu würdigen, ſie liebte ihn mit ſtiller, unbegränzter Leidenſchaft. Den⸗ noch, obſchon auch ſie von Colletta hoch verehrt wurde, und ganz Neapel die Beiden als ein zukünftiges Paar betrachtete, mußte ſie ſich ſa⸗ gen, daß Pietro ihre Liebe nicht in dem Grade erwiederte, wie er von ihr geliebt wurde. Sie wußte, daß obſchon Colletta zu edel war, irgend eine Neigung zu der Braut ſeines Freundes Antonio ſichtbar werden zu laſſen, und obſchon er ſtillſchweigend die Anſicht derer zu billigen ſchien, die ihn als den Geliebten Eleonorens betrachteten, dennoch ſein Herz an der aufblü⸗ henden Luigia hing, die in ihrer vollkommen

reinen und unſchuldvollen Weiblichkest einen tieferen Eindruck auf Pieno's Herz gemacht hatte, als die ihrem Weſen und ihrer Neigung nach mehr männliche Eleonora.

So war das Verhaltniß dieſer beiden Paare zu einander, doch waren ſowohl Eleonora als Pietro zu edel, um das herzliche Verhältniß Antonio's und Luigia's im geringſten zu trüben. Sie lebten in ruhiger Freundſchaft neben ein⸗ ander fort. Luigia war noch zu jung, um ſich darüber Rechenſchaft geben zu können, daß auch ihr Herz von einem ganz eigenthümlichen Ge⸗ fühle ergriffen wurde, wenn ihr Auge auf die ſchönen, ernſten Züge Pietro's fiel, von einem ganz anderen Gefuͤhl, als wenn ſie mit Anto⸗ nio kindlich plaudernd dahinwandelte.

Nur Federigo Baker ſtörte die harmloſe Freundſchaft der beiden Paare. Es war un⸗ möglich, da ſein Vater, der Kryſtallwaarenhändler, in dem Hauſe der Eltern Luigia's wohnte, daß die Familie der Sanfelice den Umgang mit der Familie des Kryſtallaro, wie er genannt wurde, gänzlich hätte meiden können. Zudem war Ba⸗ ker ein reicher und angeſehener Mann, der Lie⸗ ferant des Hofes und ſehr beliebt bei der Kö⸗ nigin, die den ſchlauen Schweizer auch zu aller⸗ lei anderen Geſchäften, namentlich zum Spio⸗ niren, benutzte.

Federigo hatte deshalb freien Eintritt in der Familie der Sanfelice, von dem er auch häufig Gebrauch machte, obſchon er wußte, daß man ihn nicht gern ſah. Denn eine ungezügelte Lei⸗ denſchaft zu der ſchönen Luigia hatte ſich Fede⸗ rigo's bemachtigt, eine Leidenſchaft, die um ſo heftiger wurde, je weniger Ausſicht der Sohn des Kryſtallwaarenhändlers hatte, ſeine Liebe erwiedert, oder ſeine Pläne vom Erfolge ge⸗ krönt zu ſehen. Wie immer ſchlich ſich mit der wachſenden Leidenſchaft für Luigia auch ein um ſo größerer Haß gegen ihren Geliebten in Fe⸗ derigo's Herz ein. Ueberwaltigt von dem Ge⸗ fühl ſeiner Unwürdigkeit konnte er es nicht wa⸗ gen, als offener Bewerber um Luigia aufzutre⸗ ten; auch ſeine Abneigung gegen den reichen und angeſehenen Antonio konnte er nicht offen zur Schau tragen. So kochten die Leidenſchaft und der Haß in ſeinem Innern fort, und er⸗