Jahrgang 
1 (1851)
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endlich die Jüngere, deren Wuchs und Geſichts⸗ züge das ſich eben erſt zur Jungfrau entwickelnde Kind ankündeten, das Schweigen, Du haſt mir eigentlich noch gar nicht geſagt, warum Du mich heute ſo früh abgeholt haſt? Es muß doch et⸗ was Wichtiges ſein, denn die Mutter wollte mich nicht fortlaſſen und Du mußteſt ſie erſt lange bitten, ehe ſie mir erlaubte, mit Dir zu gehen. Jetzt ſtehſt Du ſo trüb und ſchweigſam da, daß mir ganz unheimlich zu Muth wird unter den vielen flüſternden Leuten. Sage mir doch, was wollen wir hier? wen erwarten wir? Wenn Du traurig biſt, wollen wir nach Hauſe gehen. Komm, Eleonora, bat ſie, indem ſie ſich innig an ihre ältere Freundin ſchmiegte.

Nein, Luigia, antwortete dieſe mit zar tem, aber doch ernſtem und ſeſtem Ton, bleibe, meine Freundin! Unſere Freunde hier werden uns ſchützen vor dem Andrang des Volkes. Du ſollſt ein Schauſpiel heute ſehen, das ſich Dei⸗ nem Gemüthe tief einprägen wird. Siehſt Du das Gerüſt dort drüben in der Mitte des Largo di Caſtello?

Ja, antwortete Luigia, ſich aufrichtend und furchtſam zurückbebend, was ſoll das?

Auf dieſem Geruüſt werden drei der edel⸗ ſten Jünglinge Neapels heut den Mäaͤrtyrertod für die Freiheit ſterben, ſagte Eleonora mit dumpfer und doch erhabener Stimme, den Arm feſt um die junge Freundin ſchlingend, und die Augen, aus denen zwei große Thränen perlten, zur Erde ſenkend.

Sterben? fragte Luigia, und die Bläſſe fürchtender Verwunderung überzog ihr jugend⸗ liches Geſicht, warum ſollen ſie ſterben, die Jünglinge?

Weil ſie eine Verſchwörung gegen den ns angezettelt und mit den Feinden unſeres Landes, den Franzoſen, in verrätheriſcher Ver⸗ bindung geſtanden haben, antwortete ſchnell Einer von den Jünglingen mit ſcharfer und verächtli⸗ cher Betonung. Es wax Federigo Baker, der Sohn des reichen Kryſtallwaarenhändlers Ba⸗

ker, der mit Luigia's Eltern in demſelben Hauſe wohnte. Er war zwar nicht der Jüngſte von den Dreien, aber der Schwächſte und Unbedeu⸗ tendſte; ſeine Geſichtszüge trugen nicht den ed⸗

len ſchönen Charakter des neapolitaniſchen Stam⸗ mes, ſondern den Stempel jener Schweizer, die ihr Vaterland, wie der Vater Federigo's, ver⸗ laſſen hatten, um unter der Herrſchaft König Ferdinands von Neapel durch Liſt und Schlau⸗ heit Rang und Reichthümer zu erwerben. Fe⸗ derigo war nicht häßlich, aber ein unheimlicher Zug um Mund und Augen ließ ſein Geſicht unvortheilhaft von den offenen, ſchönen Geſichts⸗ zügen der beiden anderen Neapolitaner abſtechen.

Luigia ſah ihn verwundert an und ſchien ihn nicht zu verſtehen. Seine beiden Gefähr⸗ ten blickten ſchweigend und unwillig, mit gerun⸗ zelter Stirn auf den Sprecher. Eleonora aber richtete das Haupt ſtolz in die Höhe und hef⸗ tete ihre dunklen Augen durchdringend auf Fe⸗ derigo, der ſeinen eben noch ſo kecken Blick ver⸗ wirrt zu Boden ſenkte.

Was Du nicht Alles weißt, Federigo!

ſagte ſie ſpöttiſch; das baſt Du wohl von Dei⸗ nem Vater, dem Lieferanten des Königs gehört, der ein loyaler Mann iſt, weil er durch den Hof jährlich einige tauſend Scudi verdient? Hüte Dich, von Verräthern zu ſprechen, wenn es ſich um die Söhne der edelſten Familie Nea⸗ pels handelt! Freilich, wie kannſt Du einen Be⸗ griff von Ehre haben, der Sohn eines Mannes, der ſein freies Vaterland verließ, um einem fremden Despoten für gute Bezahlung ſeine Dienſte anzubieten! Doch, ich will nicht mit Dir ſtreiten. Die Unterthänigkeit iſt Dir an⸗ geboren worden. Du wirſt ewig ein Söldling bleiben!

Donna Eleonora! rief aufbrauſend Fe⸗ derigo, aber ſeine giftigen Blicke begegneten dem kalten, verächtlichen Strahl der ſtolzen Augen Eleonora's, er biß ſich wüthend auf die Lippen, und die Arme kreuzend, ſchaute er finſter brü⸗ tend auf die Menſchenmenge und das Todes⸗ gerüſt in der Mitte des Largo di Caſtello.

Nein, meine Luigia, wandte ſich Eleo⸗

nora zu ihrer Freundin, die während der letzten

Augenblicke ſtumm und verwundert auf Eleo⸗ nora geblickt hatte, nein, glaube das nicht! Es ſind keine Verräther, die heut hier ſterben ſol⸗ len. Es ſind drei der herrlichſten Jünglinge von Neapel, gleich ausgezeichnet durch den Adel