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kommen war, gab es kein Hinderniß mehr, und man durfte keinen Augenblick verlieren.
Nicht lang hernach trat ich mit meinen Eltern den Weg nach dem Schloſſe an und ſtieg zu dem Zimmer der Kranken hinauf, wo unſere Heirath ein⸗ geſegnet werden ſollte.
Es waren bereits viele Perſonen gegenwärtig: der Bürgermeiſter mit ſeinem Schreiber, der Prieſter mit ſeinem Diener, Zeugen und Freunde.
Roſa ſaß in einem mit Kiſſen belegten Lehnſtuhle. Bei meinem Erſcheinen lächeite ſie mir mit einem himmliſchen Ausdrucke unbegrenzten Seelenfriedens zu und war voll Jubels, daß ihr Gott vergönnt hatte, wenigſtens dieſen Tag noch über den Tod zu triumphiren;— ich aber, obwohl ſie Worte der Freude mir entlocken wollte, ich vermochte nicht zu ſprechen, ſondern hielt in ſtummer Bewunderung den Blick auf ſie geheftet.
Ich weiß nicht, was in mir vorging. Dieſes fleckenloſe Brautkleid, das die Abweſenheit eines irdiſchen Leibes zu verrathen ſchien; die ſchneeweiße Brautkrone, welche vor meiner erregten Phantaſie Strahlen warf, gleich dem Lichtkranze einer Heiligen; die Augen ſo unſtet und ſo grundlos, daß ſie mich aus der Tiefe der Ewigkeit anzuſehen ſchienen; die nebelartige, übernatürliche Schönheit Roſa's in die⸗ ſem Augenblick verwirrten mir die Sinne. Es war nicht mehr die leibliche Roſa, die da vor mir in dem Lehnſtuhle ſaß: nein, nein, es war Nichts mehr
von irdiſchem Weſen an ihr; es war ihre Seele,
ihre himmliſche Seele, die aus Gottes Schooße ſich


