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„Wenn ich mich nicht irre, ſo haben Sie einige meiner Werke geleſen. Der Herr iſt alſo ein Freund der Literatur?“
„Ich leſe nicht ſehr viel,“ anwortete er,„aber beſitze doch faſt alle Ihre Werke.“
„Und haben dieſelben Ihren Beifall gefunden?“
„Ihre Erzählungen von den Kempen und Ihre Sittenſchilderungen insbeſondere; ja noch in höhe⸗
rem Maaße, als Sie wohl vermuthen. Es finden ſich
darunter ſolche, die ich bereits zehnmal geleſen habe. Es ſind nicht die ungekünſtelten Geſchichten, welche durch wiederholtes Leſen mir noch Intereſſe ein⸗ flößen; es iſt der Ton, eine Art geheimnißvoller Muſik, welche mit meinem Gemüthe harmonirt und mich anzieht.“
Ich ſchaute den Greis mit fragenden Augen an, um ihn dadurch zu einer nähern Erklärung zu veranlaſſen.
„In den Erzählungen, wovon ich ſprechen will,“ ſagte er,„herrſcht ein Ton ſtiller Einfachheit, ſanfter Lebensluſt und unzerſtörbarer Hoffnung, ein inniges Gefühl von Naturbewunderung, von Dankbarkeit gegen Gott und von Liebe zu den Menſchen. Die Lectüre derſelben verurſacht mir zuweilen eine tiefe Rührung, aber ſie ermüdet mich nicht; und wenn ich das Ende eines ſolchen Werkes, ſo anſpruchs⸗ los es auch ſein mag, erreicht habe, dann fühle ich mich getröſtet, gläubiger, liebevoller, und juble in mir ſelbſt bei der Entdeckung, daß ſo zarte, reine Saiten, welche allein der Kindheit eigen ſcheinen, in meinem Herzen noch wach ſind und nachtönen.“ Ich ſtammelte einige Entſchuldigungen und ſuchte Conſcienee, Das eiſerne Grab. 2


