124
ſter folgte meinen Schritten mit ängſtlichem Kummer; ihr armer wahnſinniger Bruder war der Gegenſtand ihrer ſteten Sorge; ſie lebte nur für ihn, um ihn vor allem Unglück zu bewahren. Mein Wahnfinn war ſanft und gutwillig: ich lachte immer und obwohl ich meine Schweſter nicht mehr kannte, liebte ich ſie doch von ganzem Herzen. Meine Beſchäftigung beſtand in der Verfertigung von Wölfen;— was ich in meine Hand bekommen konnte, wenn es nur Lehm, Wachs oder Teig war, ebenſo ſchnell formte es ſich in Thiere mit vier Füßen um, welche eine rauhe Wolfs⸗ geſtalt hatten. Oft hatte ich mehr denn hundert vor mir und vann lachte ich mit übermäßiger Freude. Meine Schweſter hatte oft verſucht, mir dieſes Wölfemachen abzu⸗ gewöhnen. Doch ſobald ſie bemerkte, wie ſie mich dadurch betrübe, ließ ſie davon ab. Graf Walter von Craenhove war mir nicht minder gewogen; alles, was uns das Leben verſüßen konute, wurde gethan, und wenn ich ihm, in meiner Narrheit, den Namen Vater gab, ſo täuſchte ich mich nicht: er war uns Vater und Wohlthäter.
Nach ſieben Monaten unſeres Aufenthaltes in dem Laternenhofe erſchien Graf Walter von Craenhove einſt im Zimmer, wo ich und meine Schweſter waren; ich hatte mich mit Blumen bekränzt, denn das war nun meine Liebhaberei, und vor mir auf dem Boden ſtand wieder eine große Reihe Wölfe von Lehm. Der Graf nahm einen Seſſel und ſich nicht ferne von meiner Schweſier nie⸗ derſetzend, ſagte er:
„Maria, Dein edelmüthiges und liebevolles Betragen hat meine höchſte Bewunderung erregt; ich zweifle ſehr, ob Deine Tugenden in mir nicht ein anderes Gefühl rege gemacht haben. Denn bei dem Gedanken an Deine große Aufopferung will ich nicht von einer weltlichen Leidenſchaft mit Dir ſprechen.— So kannſt Du nicht fortleben, Maria,— ohne Familie, ohne Eltern, ganz abhängig von Deinem Freunde Walter! Oft, wenn der Schlaf von mei⸗ nem Bette flieht, denke ich an das Schickſal, das Dich


