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„Mein Sohn, ich will Dir mit kurzen Worten mein Vergehen erzählen; dieſe Geſchichte iſt vielleicht die letzte Unterweiſung, die ich Dir geben kann.— Ich hatte einen Bruder, wir liebten einander feurig nach dem Gebote un⸗ ſerer verſtorbenen Eltern. Wir hatten auch eine Schweſter, deren Geſichtszüge wenig von den Deinen verſchieden waren, darum ergötzt mich Dein Anblick. Lange lebten wir in Frieden und in Freuden, aber eine Frau brachte einen Lie⸗ besneid zwiſchen uns. Ich liebte dieſe Frau mit feuriger Inbrunſt, mein Bruder liebte ſie nicht minderz aber er war ſchöner, als ich, und ſchien wieder geliebt zu werden. Die Eiferſucht verzehrte mein Innres wie ein ſchleichend Gift, doch ſie konnte die Bruderliebe nicht überwinden; ich zog mich zurück und litt im Stillen. Einsmals als ich von dieſer Frau mit meinem Bruder und einem alten Diener zurückkam, begann er mich zu verhöhnen über meine unglückliche Liebe. Ein wildes Feuer flammte in meiner Bruſt aufz — er höhnte mich noch mehr!— Die Wuth machte mich blind; meine Hand griff wider meinen Willen an das Schwert, das an dem Sattel meines Pferdes hing; ich ſchlug zu und ſpaltete das Haupt meines Bruders,— ſeine Leiche fiel zu Boden; dann ſprang ich jammernd vom Pferde, warf mich über den Leichnam meines Bruders und begann ihn zu rufenz Blut ſprizte auf mein Koller, ich riß mir die Haare aus, doch die Leiche blieb ſtumm.“
Hier holte der Wehrwolf etwas Athem. Bernhards Augen ſtarrten bewegungslos vor ſich hin; er zitterte ſichtlich und ſeine ganze Haltung verrieth eine ſonderbare Ungeduld, den weiteren Verlauf der Geſchichte zu hören. Gewiß, ſeine Rührung verbarg gleichfalls ein Geheimniß.
Der Wehrwolf fuhr fort:
„Lange durfte ich bei der Leiche meines Bruders das Vergehen nicht beweinen; eiligſt kam der alte Diener mit einem Reiſeſack herbeigelaufen und band dieſen auf mein Pferd. Dann zog er mich von der Leiche weg, zwang mich mit unwiderſtehlicher Gewalt, zu Pferd zu ſitzen,


