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Geschichte des Grafen Hugo von Craenhove und seines Freundes Abulfaragus / von Hendrik Conscience. Aus dem Vläm. von E. Zoller
Entstehung
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etwas Sonderbares in der Haltung des jungen Hirten und

beſonders in der feſten Unbeweglichkeit ſeines Kopfes, an

welchem die blonden Haare wallend niederfielen. Mit wohlwollendem Lächeln betrachtete der alte Albrecht ſeinen jungen Kameraden und fragte endlich:

Du haſt alſo großes Verlangen, zaubern zu lernen, Bernhard?

Dieſer hob ſeinen glühenden Kopf empor und ant⸗ wortete:

Zauberei! O nein, nein! Aber ich gebe zwei Finger meiner rechten Hand dem, der mich leſen lehrte.

Ich würde es Dich wohl lehren, wenn wir unſre Heerde oft am ſelben Platze könnten weiden laſſen, doch das geſchieht keine zehn Mal im Jahre, darum glaube ich nicht, daß Du es je lernen würdeſt.

Das letzte Wort betrübte den jungen Hirten ſehr: er gab mit innigem Verdruß das Buch zurück, nahm ſeine Nadeln wieder auf und ließ das Haupt in tiefſtem Miß⸗ muth ſfinken, während eine Thräne in ſeinem Auge glänzte.

Eine Zeitlang herrſchte ein peinliches Stillſchweigen zwiſchen den zwei Hirten; bald aber ergriff den alten Al⸗ brecht Mitleiden und er ſprach zu ſeinen weinenden Ka⸗ meraden:

Bernhard, Dein Wunſch leſen zu lernen, iſt eine ſonderbare Krankheit. Ich ſehe nicht ein, wie Du Dich ſo betrüben kannſt; ein Zufall hat mich ſo gelehrt gemacht, aber dieß Glück wiederfährt nicht jedem; und warum ſollteſt Du Dich nicht tröſten, da Ritter und Edelfrauen,

Bürger und Bauern ebenſo unwiſſend ſind, als Du? Und wäreſt Du gelehrt, wo würdeſt Du ein Buch finden, da Du nicht reich genug biſt, eines zu kaufen 2

Bernhard machte bei dieſen Worten eine Bewegung der Verzweiflung; ſeine Stirne umwölkte ſich.

Gewiß, Bernhard, fuhr der alte Albrecht fort, Deine Wißbegierde iſt nicht natürlich; ſie hat zweifels⸗

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