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Lenora war von Natur ſehr entſchloſſen und beſaß ungewöhnliche Seelenkraft; allmälig wuchs daher in ihrer Bruſt der Entſchluß, ihn zu einer Mittheilung ſeines Geheimniſſes zu nöthigen. In dieſer Abſicht hatte ſie auch bereits mehrmals den Vater aufgeſucht, aber ſein durchdringender Blick, der finſtere Ausdruck ſeines Geſichts hatten ſie ſtets zurückgehalten, ja ſie ſah den Vater ihre Abſicht errathen und, ſich gleichſam furchtend vor ihren Fragen, in ihrer Gegenwart zittern.
Auch heute war Herr von Vlierbeke wieder am frühen Morgen nach der Stadt gefahren. Schon war der Mittag vorbei, Lenora irrte langſam in bittere Träume verſunken durch die ſtillen Zimmer des Hauſes. Sie ſchien in ihrem tiefen Nachdenken zu ſprechen, ſtreckte die Hände aus oder wiſchte eine Thräne aus ihrem Auge... In der Zerſtreuung und ohne zu wiſſen, warum ſie es that, öffnete ſie die Schatulle des Tiſches, an welchem ihr Vater zu ſchreiben pflegte. Vielleicht mochte ſie auch die Begierde, ihres Vaters Geheimniß zu ergründen, hiezu antreiben— kurz, ſie fand in der Schatulle ein einfaches offen liegen⸗ des Papier.
Kaum hatte ſie das Auge auf dasſelbe geworfen, als eine plötzliche Bläſſe ihr Antlitz bedeckte, und zitternd las ſie, was dieſes Blatt ihr offenbarte... Mit Abſcheu ſchloß ſie die Schatulle wieder und verließ ſchleunig das Zimmer.
„Grinſelhof verkaufen!“ ſtöhnte ſie, in ihrem Ge⸗ mach angekommen und ſich kraftlos auf den Stuhl werfend.— „Warum? Denecker hat meinen Vater verſpottet, weil wir nicht reich genug waren!— was liegt hier für ein Geheimniß verſteckt?... Sollten wir wirklich arm ſein?... Gott! welch ein Licht: das iſt alſo das Räthſel
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