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„Ich will mich nicht an dieſen Gedanken gewöhnen, er könnte mich toll machen. Was meinen Rechnungen und Berechnungen heute fehlt, das iſt die genaue Schätzung der Vergangenheit, weil ich dieſe Vergangenheit jetzt in anderm Lichte ſehe. Wirklich, in dem Grade, in dem man vorſchreitet, verwiſcht ſich die Vergangen⸗ heit. Es geht mir wie den Leuten, die ſich im Traum verwun⸗ den; ſie betrachten und befühlen ihre Wunde und erinnern ſich nicht, ſie empfangen zu haben.
„Wohlan, wiedergeborener Mann, reicher Ueberſpannter, er⸗ wachter Schläfer, mächtiger Geiſterſeher, unbeſiegbarer Millionär, blicke für einen Augenblick in die Perſpective Deines elenden er⸗ bärmlichen Lebens, denke an die Wege des Leidens, auf die Dein Mißgeſchick Dich getrieben, auf denen Dein Unglück Dich geleitet, die Verzweiflung Dich empfangen hat. Zu viel Diamanten, Gold und Glück umſtrahlen heute das Glas des Spiegels, durch den der Graf von Monte⸗Chriſto Edmond Dantes betrachtet. Verbirg
dieſe Diamanten, ſchwärze das Gold und löſche die Strahlen
aus; Du Reicher finde den Armen wieder, Du Freier, erblicke den Gefangenen, Du Wiedererſtandener, den Leichnam!...“
Und ſich alles Dies ſagend, ging Monte⸗Chriſto die Straße de la Caiſſerie herab. Es war dieſelbe, durch welche er vor vier⸗ undzwanzig Jahren durch eine ſchweigende nächtliche Wache geführt worden war, dieſe jetzt friſchen, heitern, belebten Häuſer waren damals finſter ſtumm und geſchloſſen.
„Und doch ſind es dieſelben,“ murmelte Monte⸗Chriſto,„nur war es damals Nacht, heute iſt es hellen Tag und die Sonne macht Alles ſo hell und ſchön.“
Er durchſchritt den Quai, die Straße Saint Laurent, und ging nach der Conſigne“) dem Punkte am Hafen, von wo aus er eingeſchifft war. Eine Gondel mit Verdeck von Zwillich lag da, der Graf winkte dem Schiffer, dieſer ruderte raſch näher, Monte⸗ Chriſto ſtieg ein.
Das Wetter war herrlich, die kleine Reiſe ein wahres Feſt. Die Sonne ſtrahlte in voller Klarheit, der Meeresſpiegel war ruhig und eben, nur zuweilen ward er durch einen hervorſpringenden Fiſch gekräuſelt, der von einem Feinde verfolgt, ſein Heil in einem andern Elemente ſuchte. Am fernen Horizonte ſah man die weißen ſchlanken Fiſcherkähne vorüber gleiten, oder die großen Kaufmanns⸗ ſchiffe die Fluth durchſchneiden.
Ungeachtet des ſchönen Himmels, ungeachtet des ſtillen Frie⸗ dens ringsumher, ungeachtet der ruhenden, in Gold getauchten Landſchaft, dachte der Graf, in ſeinem Mantel gehüllt, nur an jene ſchreckliche Fahrt, an das einzige Licht in den Catalons, an den Kampf mit den Gensdarmen, als er ſich in das Meer ſtürzen
*) Hauptwache. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 88


