—
————
949
„Mein Gott, wohin gehen Sie?“ rief das arme Kind ganz außer ſich, ihre Hand durch das Gitter ſtreckend und Morrel er⸗ greifend, denn ſie begriff nur zu gut, daß dieſe Ruhe erkünſtelt war.
„Ich will darauf bedacht ſein, keine neue Unruhe in ihrer Familie zu veranlaſſen, und ein Beiſpiel geben, dem alle rechtlichen Männer, die ſich in meiner Lage befinden, nachfolgen mögen.“
„O Maximilian, bevor Sie mich verlaſſen, wohin gehen Sie? Was werden Sie thun?“
Der junge Mann lächelte traurig.
„O ſprechen Sie, ſprechen Sie,“ rief Valentine,„ich be⸗ ſchwöre Sie!“
„Hat ſich Ihr Entſchluß geändert?“
„Ich kann ihn nicht ändern, Unglücklicher, Sie wiſſen es nur zu gut!“ rief Valentine ganz außer ſich.
„Dann... leben Sie wohl, Valentine.“
Als Morrel ſich entfernte, ſchüttelte ſie das Gitter mit über⸗ menſchlicher Kraft, ſtreckte beide Hände ihm nach und rief, ſie faltend: „Was wollen Sie thun? Ich will, ich muß es wiſſen.“
„O ſeien Sie ruhig,“ ſprach Maximilian, drei Schritt von der Thür ſtehen bleibend,„ich will mich an keinem anderen Manne wegen meines unglücklichen Schickſals rächen. Ein Anderer würde Sie vielleicht durch die Drohungen geängſtigt haben, nun Herrn Franz von Epinay zu fordern, ſich mit ihm zu ſchlagen. Alles das iſt unſinnig. Was kann er dafür? Er hat mich dieſen Morgen zum erſten Male geſehen, und vielleicht jetzt ſchon vergeſſen, daß er mich geſehen hat; ja, als der Vertrag zwiſchen Ihren beiden Häu⸗ ſern geſchloſſen ward, wußte er nicht, daß ich exiſtire.— Ich habe nichts mit Herrn von Epinay zu thun, das ſchwöre ich Ihnen, und werde mich deshalb auch nicht an ihn halten.“
„Aber an wen ſonſt? an mich?“
„An Sie, Valentine? O, Gott bewahre mich davor! Die
Frau iſt geweiht, die Frau, die man liebt, iſt geheiligt.“
„Und Sie, Unglücklicher, Sie?“—
„Ich bin der Schuldige, nicht wahr?“ „Maximilian,“ rief Valentine,„kommen Sie zurück, ich will es!“ Maximilian nahte ſich mit ſeinem ſanften Lächeln, und wäre


