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Kaum hatte er die Thür entriegelt, als ohne Anmeldung, ihren Shawl im Arme, ihren Hut in der Hand, eine alte Dame eintrat. Ihr weißes Haar legte ſich um eine bleiche Stirn, und ihre Augen, um welche das Alter tiefe Furchen gezogen hatte, verſchwanden in einer Fluth von Thränen.
„Ach mein Gott!“ rief ſie,„welch ein Unglück, o, o, ich bin überzeugt, daß auch ich ſterbe, vor Schmerz ſterbe.“
Und ſchluchzend ſank ſie in einen der Thür zunächſt ſtehenden Seſſel.
Die Diener ſtanden auf der Schwelle und wagten nicht, näher zu treten. Sie ſahen nur den Diener des alten Herrn von Noirtier an, der, das Geräuſch hörend, auch herbeigeeilt war.
Villefort erhob ſich und eilte auf ſeine Schwiegermutter zu, denn ſie war es ſelbſt.
„O mein Gott, gnädige Frau, was iſt Ihnen begegnet,“ rief er,„welches Unglück kann ſie ſo erſchüttern und warum begleitet Herr von Saint⸗Méran Sie nicht?“
„O, weil er todt iſt!“ rief die Marquiſe gänzlich betäubt und außer ſich.
Villefort wankte und rief, ſeine Hände faltend:
„Todt... todt.. ſo plötzlich?“
„Vor acht Tagen,“ erzählte ſeine Schwiegermutter,„ſteigen wir nach Tiſch zuſammen in den Wagen. Mein Gemahl war ſeit einigen Tagen leidend, aber der Gedanke, ſeine geliebte Valentine wieder zu ſehen, machte ihn muthig genug, ungeachtet ſeiner Schmerzen zu reiſen. Ungefähr ſechs Stunden hinter Marſeille aß er ſeine gewöhnlichen Paſtillen und fiel darauf in einen langen Schlaf, der mir nicht natürlich ſchien; indeſſen zögerte ich noch immer, ihn zu wecken. Da ſchien es mir, als werde ſein Geſicht immer röther, als klopften ſeine Pulſe heftiger als gewöhnlich. Es wurde dunkel, ich gewahrte nichts mehr. Plötzlich ſtieß er einen dumpfen, herzzerreißenden Schrei aus, wie Jemand, der im Traume leidet, und ließ den Kopf heftig nach hintenüber fallen. Ich rief beſtürzt den Kammerdiener, ließ den Poſtillon anhalten, rief meinen Gemahl, ließ ihn flüchtige Salze athmen, aher umſonſt... er war
todt und mit ſeinem Leichnam langte ich in Aix an.“
Villefort war ſprachlos, endlich ſagte er:


