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und ſchroffe Abgründe vor ſich ſehend, verzweifelte, deshalb ſo ent⸗ ſetzliche Qualen überſtanden zu haben.
Als er nun alle dieſe Namen in ſein Gedächtniß zurückgerufen, ſie von Neuem geordnet und mit friſchen Erläuterungen verſehen hatte, ſchüttelte er den Kopf.
„Nein,“ flüſterte er dann,„keiner dieſer Feinde würde geduldig und ſchweigend bis jetzt gewartet haben, um mich nun erſt durch dieſes Geheimniß zu vernichten. Zuweilen, wie Hamlet ſagt, entſteigt tief Verborgenes der Erde, um ſich, gleich dem Phosphor, der Luft mitzutheilen; aber das ſind Flammen, die einen Augenblick leuchten, um irre zu führen. Der Corſe wird die Geſchichte einem Prieſter, dieſer ſie Monte⸗Chriſto mitgetheilt haben und der hat, um ſich aufzuklären...“
„Aber wozu das?“ rief Villefort nach augenblicklichem Nach⸗ denken,„welches Intereſſe konnte Herr Monte⸗Chriſto oder vielmehr Zaccone, der Sohn eines malteſiſchen Rheders dabei haben, ein finſteres, ihm ganz fremdes Geheimniß zu erforſchen, zumal da er früher nie in Frankreich war? Durch dieſe Erkundigungen bei ſeinem Freunde, dem Abbé Buſoni, wie bei ſeinem Feinde, dem Lord Wilmore, die beide nicht vorbereitet ſein konnten, iſt mir nur eins ganz klar geworden, daß nämlich keinenfalls und in keiner Art die mindeſte Berührung zwiſchen uns ſtattfinden kann.“
Aber Villefort glaubte nicht an das, was er ſagte. Die Ent⸗ deckung war ihm noch nicht das Schrecklichſte, denn er konnte leugnen, oder ſelbſt antworten; er ängſtigte ſich weniger um dieſes Mene Tekel Upharsin, welches plötzlich mit blutigen Zügen an der Mauer ſichtbar ward, als daß es ihn beruhigte, den zu kennen, deſſen Hand ſie dahin gezeichnet hatte.
In dieſem Augenblicke, wo er ſich zu beruhigen ſtrebte, und ſtatt der künftigen politiſchen Berühmtheit, von der er in ſeinem Ehrgeize ſaß dſt geträumt, durch die Furcht, dieſen ſo lange ſchlummernd ein Feind zu wecken, nur eine, auf häusliche Freuden beſchränkte Zukunft vor ſich ſah, vernahm er das Geräuſch eines in den Hof fahrenden Wagens, und kurz darnach auf der Treppe die ſchwerfälligen Schritte einer bejahrten Perſon und jenes Schluch⸗ zen und Stöhnen, durch welches Diener ſich oft ſo gern bei einem, ihre Herrſchaft betreffenden Unglücke geltend zu machen ſuchen.


