Teil eines Werkes 
5 (1870)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

LXXIII.

Frau von Saint⸗Méran.

Ein finſteres Ereigniß war in Herrn von Villefort's Hauſe vorgegangen.

Nachdem die beiden Damen auf den Ball gefahren waren, wohin ſie Herr von Villefort, trotz der inſtändigſten Bitten ſeiner Gemahlin nicht hatte begleiten wollen, ſchloß der königliche Pro⸗ curator ſich in ſein Kabinet ein. Der gewöhnliche Actenſtoß lag vor ihm, und war ſo groß, daß er Jeden, der nicht wie er, Zeit ſeines Lebens an viel Arbeit gewöhnt war, erſchreckt haben würde.

Heute jedoch war dieſer Actenſtoß nur der Form wegen da. Villefort hatte ſich nicht der vielen Geſchäfte halber eingeſchloſſen, ſondern um nachzudenken. Nachdem er nochmals den ſtrengſten Befehl ertheilt hatte, ihn nur um Sachen von der höchſten Wich⸗ tigkeit zu ſtören, ſetzte er ſich in ſeinen bequemen Lehnſtuhl und rief alles das in ſein Gedächtniß zurück, was ſeit acht Tagen mit neuer Stärke die Quelle ſeiner finſterſten Sorgen und bitterſten Erinnerungen war.

Dann öffnete er ein geheimes, nur ihm bekanntes Fach ſeines Schreibtiſches, und nahm daraus ein Packet mit Privat⸗Notizen und koſtbaren Manuſcripten, die er mit Zahlen bezeichnet hatte, und welche Bemerkungen über ſeine politiſche Laufbahn und ſeine Geld⸗Ange⸗ legenheiten enthielten und in denen er die aufgezeichnet hatte, welche auf irgend eine Art ſeine Feinde geworden waren.

Er fand ihre Zahl beträchtlich, jetzt wo er zu zittern begann.

Und dennoch, alle dieſe Namen, ſo mächtig und bedeutend ſie auch waren, entlockten ihm ein Lächeln, dem eines Reiſenden zu vergleichen, welcher, mit den unſäglichſten Mühen einen ſteilen Berg erklimmend, oben angelangt nur ſpitze Zacken, ungangbare Wege

59*