Teil eines Werkes 
4 (1870)
Entstehung
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den man mit Erſtaunen in einem weiblichen Geſichte bemerkte; ihre Naſe hatte genau die Form, die ein Bildhauer einer Juno gegeben haben würde; ihr Mund war etwas zu groß, aber mit ſchönen Zähnen geſchmückt, und die faſt zu hochrothen, ſchwellenden Lippen ſtachen faſt ſchneidend gegen die Bleichheit ihres Geſichtes ab; end⸗ lich trug noch ein ſchwarzes Maal am Mundwinkel, von ungewöhn⸗ licher Größe, dazu bei, dieſer Phyſiognomie den Charakter der Ent⸗ ſchiedenheit zu geben, der Morcerf zuweilen erſchreckte.

Die übrige Perſönlichkeit Eugenien's ſtimmte mit dem Kopfe, den wir zu beſchreiben verſucht haben, überein. Sie war, wie Chateau⸗Renaud geſagt hatte, die Göttin der Jagd, aber mit einer noch feſteren, muskulöſeren Schönheit.

Wenn man der Erziehung, die ſie erhalten hatte, einen Vor⸗ wurf machen konnte, war es der, daß ſie zu ſehr die des andern Geſchlechts war. Sie ſprach wirklich mehrere Sprachen, zeichnete leicht und ſicher, machte Verſe und componirte ſie. Beſonders die letztere Kunſt, die Muſik, trieb ſie mit Leidenſchaft und ſtudirte ſie mit einer ihrer Freundinnen aus der Penſion, einem jungen Mäd⸗ chen ohne Vermögen, die aber, nach allgemeiner Verſicherung, alle Anlagen hatte, eine ausgezeichnete Sängerin zu werden. Ein großer Componiſt nahm, wie man verſicherte, einen faſt väterlichen Antheil an ihr und unterrichtete ſie, in der Hoffnung, daß ſie durch ihre Stimme ihr Glück machen werde.

Dieſe Möglichkeit, daß Louiſe von Armilly, ſo hieß die junge Virtuoſin, einſt die Bühne betreten werde, bewog Fräulein von Danglars, ſich, ſo oft ſie dieſelbe auch bei ſich ſah, doch nicht öffent⸗ lich mit ihr zu zeigen. Uebrigens nahm Louiſe in dem Hauſe des Banquiers zwar nicht den unabhängigen Platz einer Freundin, aber doch einen weit höheren, als den einer gewöhnlichen Lehrerin ein.

Einige Augenblicke nach dem Eintritte der Frau von Danglars in ihre Loge ſank der Vorhang zum erſten Male, und da die Länge der Zwiſchenacte geſtattete, das Foyer zu beſuchen, oder in den Logen Viſiten zu machen, ſo war das Orcheſter bald ganz leer.

Morcerf und Chateau⸗Renaud hatten daſſelbe zuerſt verlaſſen. Einen Augenblick hatte Frau von Danglars geglaubt, daß dieſe Eile Albert's Folge ſeiner Abſicht ſei, ihr und ihrer Tochter ſein Compliment zu machen, und hatte, zu dem Ohre ihrer Tochter ge⸗