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In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Loge des Miniſters, und Frau von Danglars, ihre Tochter und Lucien Dobray nahmen ihre Plätze ein.
„Ah! Ah!“ ſagte Chateau⸗Renaud,„da ſind Bekannte von Ihnen, Vicomte. Was Teufel ſehen Sie denn rechts? Man ſucht Sie.“
Albert drehte ſich um, und ſeine Blicke begegneten wirklich denen der Baronin Danglars, die ihm einen kleinen Wink mit dem Fächer gab. Was Fräulein Eugenie anbetraf, ſo konnte man kaum be⸗ merken, ob ihre großen, ſchwarzen Augen das Orcheſter eines Blickes würdigten.
„Wirklich, mein Lieber,“ ſagte Chateau⸗Renaud,„die Mes⸗
alliance abgerechnet, und ich glaube nicht, daß die Ihnen ſehr ſtörend iſt, alſo, die Mesalliance abgerechnet, begreife ich nicht, was Sie gegen Fräulein von Danglars haben können; ſie iſt ja eine wirkliche Schönheit.“ 3
„Sehr ſchön, gewiß,“ erwiderte Albert;„aber ich geſtehe Ihnen, daß, wenn ich zu wählen hätte, ich eine ſanftere, lieblichere, kurz, weiblichere Schönheit vorziehen würde.“
„So ſeid Ihr jungen Leute,“ meinte Chateau⸗Renaud, der als Mann von dreißig Jahren eine Art Vater⸗Air gegen Morcerf an⸗ nahm;„Ihr ſeid nie zu befriedigen. Wie, mein Lieber, man wählt Ihnen eine Braut, die nach dem Modell der Diana ſelbſt geſchaffen zu ſein ſcheint, und Sie ſind nicht zufrieden?“
„Nun eben deshalb! Ich hätte eine Schönheit in der Art der Venus von Milo oder Capua vorgezogen. Dieſe Diana, immer von ihren Nymphen umgeben, erſchreckt mich ein wenig; ich fürchte, es könnte mir gehen wie Actäon.“
Wirklich konnte ein Blick auf das junge Mädchen dieſe Em⸗ pfindung, welche Morcerf ſoeben geſtanden hatte, beinahe erklären. Fräulein von Danglars war ſchön, aber ihre Schönheit hatte, wie Morcerf geſagt hatte, etwas Feſtes, Entſchiedenes; in den Wellen ihres ſchönen, ſchwarzen Haares bemerkte man eine gewiſſe Wider⸗ ſpenſtigkeit gegen die glättende Hand; ihre Augen, ſchwarz wie ihr Haar, waren von prachtvollen Brauen überwölbt, die ſich zuweilen zuſammenzogen und dadurch, vereint mit einem eigenthümlichen Schnitte ihrer Stirn, derſelben einen Ausdruck von Sicherheit gaben,
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