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Durch ein fremdes Geheimniß der menſchlichen Natur wurde Dantes, ſtatt bei jedem Beweiſe, daß Faria ſich nicht geirrt hatte, zuverſichtlicher und freudiger zu werden, immer bedenklicher, ja faſt muthlos. Dieſe neue Entdeckung, die ſeine Kräfte hätte ſtählen müſſen, raubte ihm im Gegentheil dieſelbe; die Hacke fiel ihm beinahe aus der Hand, er lehnte ſie an die Felſenwand, trocknete ſich die Stirne und ſtieg in das Freie empor, ſich ſelbſt ſagend, daß er nur ſehen wolle, ob kein Späher in der Nähe ſei; in Wahrheit aber, weil er der Luft bedurfte, weil er das Herannahen einer Ohnmacht empfand.
Die Inſel war öde, die Sonne im Zenith ſtehend, ſchien ſie mit ihrem Feuerauge zu bewachen; in der Entfernung glitten kleine Fiſcherbarken mit ihren blendendweißen Segeln über das ſaphyrblaue Meer. Dantes hatte zwar noch nichts genoſſen, war aber nicht im Stande, in dieſem Augenblicke etwas zu eſſen, er nahm einige Tropfen Rum und kehrte geſtärkt und ermuthigt in die Grotte zu⸗ rück. Die Hacke, die er zuletzt kaum hatte halten können, war ihm wieder leicht; er erhob ſich wie eine Feder und begann das Werk mit neuer Kraft. Nach einigen Schlägen entdeckte er, daß die Steine nicht gekittet, ſondern nur auf und neben einander gefügt, und mit dem vorerwähnten Mörtel beworfen waren; nach einiger Anſtreng⸗ ung gelang es ihm, einen Stein loszumachen, dann mehrere, und bald überzeugte er ſich von dem wirklichen Daſein der zweiten Höhle, und hatte eine Oeffnung, durch die er bequem eintreten konnte; doch ehe er eintrat, ſammelte er erſt nochmals ſeinen ganzen Muth, für den möglichen Fall, daß ſeine Hoffnung dennoch getäuſcht werden könnte. Endlich hatte er Feſtigkeit genug, in die zweite Höhle ein⸗ zutreten.
Dieſe zweite Höhle war niedriger, finſterer und abſchreckender als die erſte. Die Luft, welche nur durch die ſoeben gemachte Oeffnung eindrang, hatte jenen mephitiſchen Geruch, den Dantes in der erſten ſchon zu finden erwartet hatte. Er zog ſich zurück und ließ die friſche Luft erſt eindringen und die Atmoſphäre ver⸗ beſſern, ehe er eintrat. Als er es endlich gewagt hatte, ſah er, daß links von der Oeffnung ein tiefer, finſterer Winkel war, aber für Dantes Auge war, wie ſchon geſagt, keine Finſterniß undurch⸗ dringlich. Er ſah in der Höhle umher, ſie war leer wie die erſte;
Der Graf von Monte⸗Chriſto. 18


