294
einzelnen dürren Zweig verunſtaltet wurde. Friedliebende Männer verſuchten es, den Streit zwiſchen dem Prinzen und Keſra ohne Blutvergießen zu ſchlichten, allein das hielt ſchwer, denn der erwählte Fürſt mochte nicht wieder vom Thron herunterſteigen. Bacharam⸗Gur wich ebenſowenig; er forderte die Krone ſeiner Väter zurück, und wollte, wenn ſie ihm verweigert würde, ſie mit dem Schwert erſtreiten.
Keſra zog nun auch ein Heer zuſammen, und im wei⸗ ten Thale, nah an der Hauptſtadt, ſtanden ſich die Truppen gegenüber. Wie die Lawine beim Rollen immer gewaltiger wächst, ſo hatte ſich die Schaar des Prinzen beim Vor⸗ dringen in Perſien fortdauernd vergrößert. Mit ſcharfem Blick bemerkte Keſra des Gegners Uebermacht, und faßte den weiſen Entſchluß, die offne Feldſchlacht womöglich zu vermeiden.
96) zn6
Im oberſten Gemach des königlichen Palaſtes ſaß Schirwana, und ſchaute zitternd über die ſonnenhelle Ebene. Sie ſah die beiden Heerhaufen lagern, finſtern Wolkenmaſſen gleich, aus denen die blanken Waffen blitzend hervorleuchteten. Die Jungfrau war bleich vor Angſt, denn Verderben drohte ihrer erſten, ihrer einzigen Liebe. Blieb Keſra König, ſo durfte ſie— das war gewiß— nimmermehr des land⸗ und güterloſen Bacharam⸗Gur's Gattin werden; beſiegte der Prinz ihren Vater, dann war der letztere zu tief gekränkt, als daß er die Tochter jemals ſeinem Ueberwinder verbunden hätte, wäre derſelbe nun auch Perſerfürſt geweſen.
Als Schirwana all dieſe Möglichkeiten durchdachte, als ſie nirgends einen Stern erblickte, der die Nacht ihrer Liebe


