Druckschrift 
Heitere Novellen / von Eduard Boas
Entstehung
Einzelbild herunterladen

277 chen, und einen hübſchen, etwa zweijährigen Knaben ſchau⸗ kelte ſie auf dem Schooß.

— Liebſt Du denn Deine Mutter auch? fragte ſie den⸗ ſelben, und als das Kind ſie mit den kleinen Armen jubelnd umfaßte, ſprach ſie gerührt: Nun, ſo biſt Du der Einzige, der es thut, denn Dein Vater kränkt ſie überall und läßt ſie durch ſeine Mätreſſe verhöhnen.

Kaum hatte Sophie, beinahe unhörbar, dieſe Worte geſagt, da ſchritt die Dame, welche darin bezeichnet wurde, durch die Lindenallee heran. Ihr Anblick mußte Jeden bezaubern, der ſie zum Erſtenmale ſah. Italienerin von Geburt, beſaß Signora Carlotta ganz den üppig ſchwel⸗ lenden Gliederbau, welcher die Frauen des Südens ſo rei⸗ zend macht. Unter langen Wimpern ſtrahlten ihre großen, liebeheißen Augen, und Rabenlocken ringelten ſich, tauſend lüſternen Schlangen gleich, um ihr wunderſchönes Antlitz, um ihren ſtolzen Hals und Nacken.

— So allein, gnädige Prinzeſſin! begann die Ankom⸗ mende, ſich voll ſpöttiſcher Ehrfurcht vor Sophien vernei⸗ gend. Oder hatten Sie einen beſondern Grund, ſogar die Kammerfrauen fortzuſchicken, denen die Obhut über die Kinder anvertraut iſt?

— Ich bin niemals allein, wenn meine Kinder bei mir ſind! entgegnete Sophie, zwar verletzt, aber ausweichend.

— Das freilich nicht! rief die Signora. Die Unter⸗ haltung mit jenen Sprößlingen mag indeß weder ſehr geiſt⸗ reich, noch vergnüglich ſein.

— Von dem Vergnügen einer Mutter, ſprach Sophie, kann ſich eine Jungfrau, wie Ihr, wohl keine Vorſtellung machen.