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Waldfräulein oder Ritter und Adept : romantische Sage der Vorzeit / von Eduard Breier
Entstehung
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235 als die beiden Gäſte auf den Schrattenſtein gekom⸗ men waren, nur ſaß dieſes Mal keine trauernde Gat⸗ tinn in ſeinen Mauern, nur ſchlug dieſes Mal kein frommes Herz im Schloße, der Himmel hatte daher nicht Urſache, der Böſen zu ſchonen, weil kein Ge⸗ rechter unter ihnen war. Zwei wilde Gewitter zogen herauf und ſenkten ſich über die Berge; der Sturm heulte mit gewaltiger Wuth, und ſchleuderte die em⸗ pörten Wolkenmaſſen gegen einander, wie Stäubchen vom Hauch angeweht; undurchdringliche Finſterniß deckte die Berge, der Orkan übertäubte Alles was laut werden wollte; man hörte nur ſein Raſen, und die Wirkung deſſelben in den bewälderten Gebirgen. Liana ſaß allein im Gemache, ganz allein im hohen, dunklen Gemache, eine ſtarke Unruhe hatte ſich ihrer bemächtiget, der Auftritt mit dem Adepten zog noch einmal an ihrer Seele vorüber, und tiefe Seufzer ſtahlen ſich aus ihrer Bruſt herauf. Sie ſah den Grund nicht ein, welcher Medardus aus der Burg zu fliehen zwang, wenn es nicht Abſicht war, den Ritter um den vergeudeten Reichthum zu trügen, und zu hintergehen? So waren alſo alle ihre Träume verronnen, all ihr ſchönes Hoffen war zu nichts ge⸗ worden, ſie hatte ſich vergebens auf den Augenblick

gefreut, in welchem ſie des Ritters Gattin heißen

würde; floh ſie aus der Burg, ſo war all ihr An⸗ 20*