Teil eines Werkes 
1. Bd. (1876)
Entstehung
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aus der Jugend her und entſtammte dem ziemlich be⸗ trächtlichen Unterſchied der Jahre, von dem jetzt frei⸗ lich wenig mehr zu bemerken war. Die Aeltere ſchien im Gegentheil bei weitem rüſtiger, ſie ſorgte jetzt in Allem für die arme Hülfloſe, hielt die Schule und be ſtellte den kleinen Haushalt. Nicht umſonſt war ſie ſo kräftig und hochgewachſen wie ein Mann, der brünette Teint, die feſten Züge und der graue Haarflaum über den Mundwinkeln gaben ihr noch mehr das Anſehen der Entſchiedenheit. Auch die Art, wie ſie die von der weißen Haube nur theilweiſe gedeckten, gebleichten Scheitel glatt um die kluge Stirn zurückgeſtrichen trug, machten den Eindruck ſtrenger Einfachheit und Willens⸗ klarheit; dann wurde aber doch Alles wieder geſänftigt durch die milde, ruhige Gelaſſenheit ihres Weſens und vor allem durch das treue, gute Auge, in das kein Kind blicken konnte, ohne ſofort inniges Zutrauen zu faſſen. Ja, die Kinder hatten ſie ſehr lieb, wenn ſie auch ſpäterhin die mütterliche Freundin allmälig ver⸗ gaßen.

Und Ulrich war auch ein Kind, ſo oft er dieſen ſtillen Raum betrat; am liebſten hätte er ſich wieder auf den Schemel geſetzt und den Kopf an ihre Kniee gelehnt und ſich Märchen erzählen laſſen in der Däm⸗

merung, oder er wäre mit ſeiner verknüpften Peitſchen⸗ 15*

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