Teil eines Werkes 
1. Bd. (1876)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

2

tags promenirte mancher ehrſame Bürger durch die⸗ ſelbe ins Freie, ja hin und wieder verirrte ſich ſogar eine Equipage oder doch ein beſcheidener Miethwagen in dieſe Gegend, was denn immer zu den gewagteſten Vermuthungen Anlaß gab. Vor allem aber waren es die weiblichen Dienſtboten, die für Frau Schwemmerich immer eine neue Quelle des Intereſſes waren, ſei es, daß ihrPutz Anlaß zu Klagen über die Zeitläufte oder die männliche Begleitung Anlaß zu ſittlicher Ent⸗ rüſtung gab. Viele aber traten auch im Vorübergehen auf einen Augenblick an das Fenſter heran, an welchem Frau Schwemmerich's in der ganzen Nachbar⸗ ſchaft wohlbekannte und ein wenig gefürchtete Geſtalt thronte, in der ſaloppen Kattun⸗ oder Tuchjacke, je nach der Jahreszeit, und mit der ſeltſamen breiten Stirnbinde aus weißem Linnen, welche die einſt ſchön geweſene Frau als Präſervativ gegen Runzeln alle Vormittage zu tragen pflegte, mit den zunehmenden Jahren aber immer tiefer in den Nachmittag hinein, ja zuweilen bis zum ſinkenden Abend wirken ließ. Dann verlängerte ſich wohl auch gelegentlich der Au genblick wie die ſpitze gelbe Naſe und der ſcharfge⸗ ſchnittene Mund, wenn beſonders intereſſante Mitthei⸗ lungen dem letzteren ein wohlgefälliges Lächeln entlock⸗ ten. Frau Schwemmerich hatte nämlich nicht nur die