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tragen haben, einen Deinen ſeltenen Geiſtesgaben ganz un⸗ angemeſſenen Eigenſinn.“
„Ich würde mich ſelbſt aller Gnade, die Gott der Herr mir erwieſen, für unwürdig halten“, entgegnete Kepler,„wenn ich nur ein Titelchen von dem, was ich für chriſtliche Wahrheit halte, anders ausſpräche, als ich's zu begreifen und zu erkennen fähig bin. Mein Glaube iſt Sache meines Herzens. Ich liebe Gott, den Schöpfer dieſes unausſprechlich ſchönen Weltalls, ich liebe den Er⸗ löſer, der uns lehrte und durch ſein Beiſpiel zeigte, wie der irdiſche ſchwache Menſch eins ſein kann mit Gott, indem er, ſich ſelbſt vergeſſend, ſeine Geſetze be⸗ folgt. Ich beklage diejenigen, von denen mir's ſcheint, daß ſie das erhabenſte Wunder, das die Erde hervorge⸗ bracht, das Chriſtenthum, weniger als ich zu würdigen verſtehen. Ich verdamme Keinen, der die Wahrheit nicht erfaßt hat, aber Beſold, mein herzlieber Jugendfreund, ich würde für jedes Wort der Wahrheit, die ich zu erken⸗ nen gewürdigt war, mit Ruhe, vielleicht mit Freuden ſterben. Um irdiſcher Vortheile willen heucheln und lügen aber würde ich nie. Das halte ich für eine Sünde, ſchwer wie Mord, verächtlich wie Diebſtahl, jedes Men ˖ ſchen unwürdig, am unwürdigſten aber meiner! Was aber haſt Du, alter Freund? Du biſt ja bleich geworden wie der Tod, Du zitterſt und Deine Hände ſind kalt wie Eis!“


